Full text: Volume (Bd. 7 (1874))

nach dem Brandenburgischen Provinzialrechte. 363
Ansehung des Erbrechtes eingesührt ist, daß aber in Ansehung aller
übrigen Rechtsmaterien die Gesetzgebung nicht eingeschritten, vielmehr
in dieser Beziehung die Aufnahme des römischen Rechtes nur durch die
gelehrte, römisch-rechtliche Bildung, welche die Juristen erfuhren, bewirkt
worden ist. Die Ausbildung des modernen Gebrauches des römischen
Rechtes, wie wir sie oben geschildert haben, ist vorzüglich in Kursachsen
erfolgt. Gelehrte, wie Leyser, Carpzow, Kind und später Curtius und
Haubold, sowie eine verständige Gesetzgebung haben sie dort zum
Abschlüsse gebracht. In der Mark ist die Sache nicht so leicht gewor-
den. Theils hinderte die immer wieder auftauchende Idee einer
bestehenden Gütergemeinschaft unter Eheleuten eine ruhige Entwickelung,
theils trachteten die brandenburgischen Juristen danach, ohne Rücksicht
auf die im Volke bestehende Sitte das römische R.echt ganz unverändert
einzuführen, und blieben deshalb fort und fort außerhalb der Gewohn-
heiten des Volkes und der faktischen Verhältnisse stehen. Pruckmann
und Scheplitz nehmen an, daß in der Mark allgemeine Gütergemein-
schaft unter Eheleuten herrsche, sprechen aber daneben von Paraphernal-
gut der Frauen und wenden aus dieses die Grundsätze des römischen
Rechtes an.56) Kohl verwirft zwar mit größter Entschiedenheit den
Gedanken der Gütergemeinschaft, stellt aber das Paraphernalgut der
Frau gänzlich aus dem Rechtskreise des Mannes, verlangt z. V. Rech-
nungslegung über die von ihm daraus erhobenen Zinsen und erkennt
nur das als Dos an, was dazu ausdrücklich bestellt ist. 57) Die
Praxis ist ihnen aber nicht gefolgt, hat vielmehr das
römische Recht nur in der Weise des oben auseinander-
gesetzten usus modernus rezipirt. Scholtz-Hermsdorf hat aus
einem von Stryck erhaltenen Responsum der Juristenfakultät zu Frank-
furt a/O. und aus einem Gutachten des Obertribunales vom 9. Januar
1781 überzeugend nachgewiesen, daß vor der Publikation des Allgem.
Landrechtes nach einer in der Mark allgemein herrschenden Observanz
dem Ehemanne ein Nießbrauchs- und Verwaltungsrecht an dem ganzen
Vermögen seiner Frau zugestanden hat, soweit ihr Vermögen ihr nicht
zur eigenen Verwaltung speeiell durch Vertrag oder Gesetz Vor-
behalten war. 58)
56) Scheplitz: Consuetudines, lib. I. pars III. tit. 2 §. 1 u. lib. II. tit. 106
(Ausgabe von 1744, S. 189 u. 55).
^)Kohl: Declaratio accurata, quaestio 7 No. 23 (Audg. v. 1731, S. 180).
ö«) Scholtz-Hermsdorf: Das jetzt besteh. Provinzialrecht, IL S. 27 (AusA v. 1634).
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