Full text: Volume (Bd. 7 (1874))

Literatur. . 315
der Arbeitstheilung unwillkürlich manches im Alomente für vielleicht
überdies ganz unwesentlich gehaltenes Detail allein genauer zu verfolgen
überläßt; man verläßt sich unwillkürlich auf ihn als Vorvotanten oder
selbst als späteren Mitvotanten. Ich gestehe, das zeitweise Eintreten solcher
Vorkommnisse nach meiner eigenen richterlichen Erfahrung und sogar an
mir selber mehrfach beobachtet zu haben. Ich könnte hieran gleich meine
noch weit ungünstigeren Erfahrungen in Bezug auf nicht rechts-
verständige Beisitzer, d. h. Richtergehilfen, beifügen, welche ich ins-
besondere als rechtskundiger Beisitzer und beziehungsweise als Vorstand
des Handelsgerichtes an zwei verschiedenen Orten Bayerns, darunter
sogar an einem Sitze der Großindustrie, wie Augsburg, gemacht habe.
Allein ich lasse es mir mit dieser — dem Gebiete des Civilverfahrens
entnommenen — Andeutung genügen. Nun habe ich aber im Gegensätze
zu jener constatirten ungünstigen Erfahrung innerhalb eines Kollegiums
von lauter Rechtskundigen eine ganz andere und zwar eine nicht etwa
nur zeitweise in eklatanten Fällen, sondern ständig in einer Reihe von
mehr als 20 Jahren beobachtete durchaus günstige Erfahrung von dem
Geschworenenkollegium im Ganzen, d. b. als Gegenüberstellung der Jury
gegen das Kollegium der Richter an oie Seite zu stellen.
Das Geschworenenkollegium einerseits und Richterkollegium auf der
Gegenseite erhalten, jedes für sich, ihre Machtvollkommenheit in ängstlicher
Eifersucht aufrecht und gerade in Folge eines gewissen „Qui vive“ Zwi-
schen beiden Korporationen und des beiderseitigen Antagonismus wird
ein gedeihliches Resultat herbeigeführt, das sonst auf keine Weise zu
erreichen ist. Aehnlich ist z. B. auch der Segen des kontradiktorischen
Beweisverfahrens nach englischem Muster, wo auf der einen Seite in
ausgesprochenster.Parteistellung der Ankläger, gleichviel ob ein privater
oder ein die Krone vertretender, den Belastungsbeweis dem an sich hierbei
ohne Antheil an dem Verfahren bleibenden Vorsitzenden Richter nebst
Jury, auf der Gegenseite ebenso der Vertheidiger den Entlastungs-
beweis mit aller Entschiedenheit der Parteistellung vorführt. *)
Wir glauben, auf solche Weise möglichst deutlich gemacht zu haben,
aus welchem Hauptgründe wir die Jury einerseits ebenso hoch, als —
im Vergleich zu ihr — die Schöffen ebenso tief stellen!
Wie gesagt, wir beschränken uns auf dieses Hauptmoment, nehmen
nun aber, aufrichtig wie wir uns bis zum äußersten zu sein gerade hierin
ernstlichst vorgenommen haben, ferner auch nicht den mindesten Anstand
zu gestehen, daß es daneben zunächst politische Rücksichten sind, welche
uns sodann weiter auch nicht einen Augenblick zögern lassen, mit den
großen englischen Juristen nicht nur, sondern auch mit dem ganzen eng-
lischen Volke die Jury als ein Bollwerk der bürgerlichen Frei-
heit anzuerkennen und zu behaupten, daß die bürgerliche Freiheit durch
kein Institut der Welt, insoweit man bis jetzt Rechtsinstitute kennt, so
fest gesichert werden kann, — als durch die Jury! Wir brauchen die

*) Wir konstatiren übrigens freudigst, daß im Gesetzentwürfe selbst, sowie anü-
drücklichst in den Motiven wiederholt diesem englischen Grundsätze der Trennung der
Funktionen nicht nur das wärmste Lob gespendet, sondern auch einzelne sehr wichtige
Konsequenzen schon von dem Stadium der Voruntersuchung an daraus legislatorisch
gezogen worden sind.

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