Full text: Volume (Bd. 7 (1874))

Literatur.

ais
Wir erlauben uns hiergegen zunächst ganz einfach darauf hinzuweisen,
daß es unrichtig ist, die Jury, wie sie in Deutschland im Allgemeinen, d. h.
in Bayern, Württemberg, Baden, Sachsen eingeführt ist, als einen Ab-
klatsch des französ. Institutes hinstellen zu wollen. Wir nehmen an,
daß insbesondere die zwar überaus rasch hergestellte und in mancher Be-
ziehung unvollständige bayerische Strafprozeßreform von 1848 bei
Abfassung des deutschen Strafprozeßentwurfes im Jahre 1872 wirklich
im Einzelnen nicht so unbekannt geblieben ist, als man stellenweise nach
der stiefmütterlichen Behandlung in den Motiven zu argwohnen geneigt
sein könnte. Wir werden uns übrigens wohl hüten, unsererseits auf
das Detail der nach unserem Urtheile von Anfang an für ausgezeichnet
gehaltenen bayerischen Verbesserungen des französischen Geschwo-
renengerichtes unter prinzipiellem Zurückgehen auf die englische Quelle,
besonders in Bezug auf Bildung der Jury hier, besonders schon jetzt
und noch vor Erscheinen des Gerichtsverfassungsgesetzes einzugehen.
Wir glauben aber, unserem sonstigen Plane untreu, ausnahmsweise
in jene alte Rechtsgeschichte selbst einen Schritt zurückthun zu dürfen.
Es hat uns, trotz oder wegen unserer mancherlei Quellenstudien über
angelsächsisches und normännisches, sowie auch altfranzösisches Recht,
immer eine der wunderbarsten Erscheinungen bedünken wollen, mit welcher
ganz erstaunlichen Sicherheit und durchgreifenden Allgemeinheit das
Institut der Jury gerade in den ällerültesten normünnischen Rechtsquellen,
ich möchte sagen wie hineingeschneit oder vielmehr wie gleich als aus-
gewachsenes Individuum zur Welt gekommen, gleich vom ersten Momente
seines quellenmäßigen Auftretens, nicht etwa in der skandinavischen Heimat,
sondern in der weitentferntesten Fremde an den fränkisch-französischen
Küstenländern auftritt.
So viel scheint auch unseren quellenmäßigen Erfahrungen nach sogar
gewiß: es hatte der Gedaüke der Jury gleich bei jenem historischen Auf-
tauchen ein so weites Gewand, daß ich annehmen möchte, es habe
später erst'eine Einschränkung vorgenommen werden müssen, um das
Institut als die spätere Jury auf englischem Boden zu dem fortzubilden,
was sie hier endlich von der Bedeutung einer Art der Beweisfindung
(trial) bis zu dem das ganze Gebiet des Gerichtsverfahrens ausschließlich
beherrschenden gerichtsverfassungsmäßigen Institute geworden ist. Der
Gedanke war einfach genug der, daß bei Auftauchen irgend welcher
Zweifelsfragen im Rechts- und sociellen Leben frischweg eine Jury von
Zwölf herbeigerufen wurde, und daß gleichsam vom ersten Momente des
Auftauchens die allgemeinste Volksanschauung dahin ging, daß der Aus-
spruch dieser Zwölf Recht und Wahrheit schaffte und daß, wenn dieser
Ausweg einmal gewählt war, kein werterer Weg, um das „vere dictum“
umzustoßen, in der Welt mehr gegeben sei.
Wir legen auf die überaus praktische und einfache Natur dieses
einzigen Hauptgedankens einen noch heutzutage für uns persönlich geradezu
durchschlagenden Werth. Wir bekennen, daß wir nicht etwa nur den
späteren französischen diesbezüglichen Bestimmungshäufungen sondern
selbst einzelnen englischen Bestimmungen gegenüber uns keineswegs
irgendwie ängstlich verhalten. Wir bezeichnen als solche z. Ä. die später
ausgebildete große Zahl einzuberufender Geschworener (besonders so
lange man in Deutschland die andere Hälfte der im Strafwesen gerade

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