Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

Literatur.

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Grenzen seiner praktischen Wirksamkeit hinaus im höchsten Grade eine ein-
gehende Beachtung. Das Gesetz enthält einen äußerst gelungenen Versuch,
die Intestaterbfolge und das testamentarische Erbrecht für Lübeck auS sehr
komplizirten und zweifelhaften Rechtsverhältniffen heraus nach möglichst ein-
fachen, verständlichen und natürlichen Grundsätzen zu ordnen. In dem knappen
Raum von 31 kurzen Artikeln sind die wesentlichen Grundsätze über das
Jntestatrecht der Eheleute und der Verwandten, über Testamentserrichtung,
Pflichttheil und Kollation in , einer so glücklichen Weise aufgestellt, daß im
Ganzen der Germanist wie der Romanist, sich juristisch befriedigt finden
kann, daß selbst dem Laien ihre Bestimmungen und ihre Anwendbarkeit na-
türlich und leicht verständlich erscheinen müssen und daß das geschaffene Recht
ein nationales deutsches, unserm Bolksbewußtsein und unfern wirthschaftlichen
und sittlichen Zuständen entsprechendes ist. Nur in wenigen Einzeln-Bestim-
mungen möchte man daran noch reformiren; so darf eine Ehefrau nur mit
Genehmigung des Ehemannes testiren, Art. 21; ein Rest des revid. lübischen
Stadlrechts, welches die Frauen überhaupt zu letziwilligen Verfügungen für
unfähig erklärte. Im Wesentlichen aber würde das Lübecker Gesetz eine ge-
diegene Grundlage für das Erbrecht eines einheitlichen deutschen PrivatrechtS
bilden können.:
Das kubische Erb- und Familienrechl hat von jeher einen weit grei-
fenden Einfluß auf die Rechtsbildung in Deutschland gehabt. Es galt im
Mittelalter im größten Theile der deutschen Oftfeeländer; und es gilt noch
in einer großen Anzahl pommerscher, mecklenburgischer, holsteinscher, schleswig-
scher Städte. Im vorigen Jahrhundert, als man im ehelichen Güterrechte
des lübischen Rechts eine Gütergemeinschaft der Eheleute noch zu sehen glaubte,
wurde sogar die irrthümliche Lehre von der lübischen sog. Gütergemeinschaft
als Grundlage benutzt, um daraus die Theorie des preußischen LandrechtS
über die Gütergemeinschaft unter Eheleuten zu entwickeln. Freilich ist darin
jene Quelle oft schwer wieder zu erkennen. Indeß die Redaktoren des preuß.
Landrechts sagen selbst in der Anmerkung zum §. 237 Th. I. Abth. 1 Tit.
1 des Allg. Ges.-Buchs: man hat jetzt nöthig gefunden, die allgemeine Theorie
dieser wichtigen Lehre (über die Gemeinschaft der Güter unter Eheleuten)
beosnders auf dem 'Grunde des lübischen Rechts auseinander zu setzen und
Bestimmungen einznführen, wodurch die ... . Prozeffe verhütet werden
können." Siewert. Materialien H. 1 S. 52 Nr. 28. — Die Lübecker
Gesetzgeber der Jetztzeit hallen den legislatorischen Ruf Lübecks in tüchtigster
Weise aufrecht. —
Das oben angezeigte Werk des Dr. Plitt enthält außer dem Gesetze
vom 10. Febr. 1862 in Vorbemerkungen und Anmerkungen eine anschauliche
Darlegung des Verhältniffes des Rechts zu dem bisherigen. Bereits nach
2 Jahren ist eine neue Auflage dieses Kommentars nöthig geworden; ein
Beweis, wie sehr das Werk dem Bedürfnisse entspricht. In der That ist
das Buch einerseits für den Praktiker äußerst brauchbar, indem er für eine
Menge von Fragen die leitenden Rechtsgrundsätze treffend und mit einer, für
den praktischen Gebrauch wohlthuenden Kürze hervochebt. Es ist andererseits
auch für den Theoretiker von großem Interesse, indem es überall an die ge-
schichtliche Entwicklung des altern und neuern lübischen Rechts anknüpfend
aus dem historischen und wissenschaftlichen Zusammenhänge die Bedeutung

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