Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

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Literatur.

deS Gewohnheitsrechts zu einer Bedingung für die Rechtsbeständigkeit der
Auslastung geworden sein. Zum Beleg hierfür werden vorzugsweise Stellen
des sächsischen Rechts citirt, insbesondere der bekannte Satz des Sachsen-
spiegels (I. 52 §. 1): ane echt ding ne mufc nieman sin egen
geven8). —
Auch in dieser Beschränkung ist nun aber die Lehre von der Nothwen-
digkeit der gerichtlichen Auflassung stark erschüttert worden, zunächst durch
das oben angef. Werk von L ab and ^), sodann durch eine aus seiner An-
regung hervorgegangene, scharfsinnige und sorgfältig gearbeitete Inaugural-
dissertation von Bü low ins *0).
Letzterer hat den Nachweis unternommen, daß selbst vom Standpunct
deS Sachsenspiegels trotz der eben mitgetheilten und anderer Stellen die ge-
wöhnlich vorgetragene Lehre nicht zu billigen sei. In wie fern ihm dieser
Nachweis geglückt ist, mag hier dahin gestellt bleiben; jedenfalls steht fest
und es wird durch Stobbe von Neuem bestätigt, daß eine große Zahl, ja
die Majorität der deutschen Stadlrechte die gerichtliche Erklärung der Aus-
lastung nicht verlangen. Im Gegensatz hierzu wird in einer Reihe von
wichtigen Stadtrechten, insbesondere im Magdeburger Recht, das Erforder-
niß allerdings aufgestellt.
Don jeher aber wurden die Auflassungen, auch wo dieS nicht erforder-
lich war, sehr häufig in gerichtlicher Form vorgenommen. Wie Stobbe
mit Recht hervorhebt, waren hierdurch dem Erwerber mannigfache Vortheile
gesichert; er war so am besten gegen die Anschuldigung geschützt, daß er sich
unrechtmäßig in den Besitz deS Grundstückes gesetzt habe; er konnte am
leichtesten den Beweis führen, daß Alles ordnungsmäßig vor sich gegangen
sei u. dgl. m.
Ueber die Art, wie die gerichtliche Auslastung vorgenommen wurde, be-
sitzen wir in den Rechtsquellen des deutschen Mittelalters anschauliche und
ausführliche Nachrichten. Es ist kaum zu bezweifeln, daß die Gestalt deS
Actes, wie sie durch dieselben überliefert wird, in ihren Grundzügen bis in
die ältesten Zeiten hinaufreicht.")
Indem die Interessenten die Auflassung gerichtlich erklärten, nahmen sie
die Mitwirkung des Gerichts, d. h. der aus Richter und Schöffen bestehen-
den Gerichtsversammluug in Anspruch. Diese Mitwirkung trat in der
Weise und in den Formen ein, in denen überhaupt das deutsche Gericht
thätig wurde. Die Intereffenten — entweder ihr eignes Wort redend
oder durch ihre Vorsprecher — wendeten sich an den Richter und for-
derten ihn auf, die Schöffen um ein Urtheil zu befragen, ob die Auf-
lassung zulässig, ob sie rite vollzogen sei. Das Verfahren war demnach
seinem äußeren Gange nach daffelbe wie in streitigen Angelegenheiten: ein
Verfahren mit ordelen. Und wie im Proeeß nicht blos der schließliche Aus-
v) Vgl. z. B. Befeler Deutsches Privatrecht. Zweite Aust. §. SS. Zu
Note 2.
9) ft. a. O. S. 303 ff.
u) Utrum ad dominium rerum immobilium transferendum secundum jus
Saxonicum medii aevi resignatione solemni in judicio opus fuerit necne.
Begim. 1870.
") Vgl. für das Folgende namentlich Lu b and S. 236 ff.

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