Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

642 Lohn: Studien zur Gewerbe-Ordnung.
und erwähnt worden, daß durch die Erwerbung des Doktortitels das
Gesetz umgangen werden könne?7)
Damit sind im wesentlichen die Bedenken, die ich gegen die Redak-
tion des Gesetzes habe, erschöpft; bei einer Revision des Gesetzes, die
wohl nicht ausbleiben wird, würde sich, wenn man an dem Gedanken
des Gesetzgebers festhalten will, folgende Aenderung empfehlen:
In §. 6 ist der Passus: die Ausübung der Heilkunde (vor-
behaltlich der Bestimmungen in den §§. 29, 30, 53, 80 und 144)
zu streichen.
Statt §. 29 Absatz 1: Einer Approbation, welche auf Grund
. eines Nachweises der Befähigung ertheilt wird, bedarf beim Be-
triebe der Heilkunde derjenige, welcher in der Absicht, den Glau-
ben zu erwecken, er sei mit einer Approbation versehen, eine
geeignete Bezeichnung führt, (Arzt) sowie wer Seitens des
Staates oder einer Gemeinde mit amtlichen Funktionen betraut
werden soll.
§. 147 Nr. 3. Wenn Jemand beim Betriebe der Heilkunde
in der Absicht den Glauben zu erwecken, er sei mit einer Appro-
bation versehen, eine geeignete Bezeichnung (Arzt) führt, ohne
approbirt zu sein.
Mit diesen Sätzen würde man meines Erachtens den Gedanken des
Gesetzgebers in der geeignetsten Form wiedergeben. Ich räume ein,
daß das Gesetz auch in dieser emendirten Fassung noch immer nicht be-
friedigt und ästhetisch vielleicht noch weniger befriedigt, als in der
heutigen. Allein dieser Mangel hat seinen Grund, wie bereits ange-
deutet, in dem gesetzgeberischen Gedanken. Der Gesetzgeber hatte die
Wahl zwischen einer unbedingten Approbation für den Betrieb des
Gewerbes und einer völligen bedingungslosen Freigebung; für beide
Alternativen ließen sich eine Menge von gewichtigen Erwägungen prak-
tischer, wie theoretischer Natur geltend machen. Von diesen beiden
Wegen schlug man keinen ein, sondern suchte nach einem Mittelwege:
den Gewerbetrieb freizugeben, die Bezeichnung der Gewerbetreibenden,
als Aerzte oder anderweit, von einer Approbation abhängig zu machen.
Von allen den ernsten Gründen, die für die unbedingte Approbation
sprachen, blieb für den eingeschlagenen Modus nur der übrig, daß es
Sache des Staates sei, das^Publikum von den ungelehrten Heilkünstlern
zurückzuhalten, und um der Täuschung vorzubeugen, einen äußerlichen
Unterschied zwischen den approbirten und den nicht approbirten Jndi-

17) Rede des Abgeordneten Or. v. Mühler. Sten. Ber. 1869. B. 1 S. 328.

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