Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

Dahn: Das Gewohnheitsrecht. 577
höheren Einheit aufgehen müssen: die Logik in der Rechtsbildung darf
nicht ungerecht, aber die Gerechtigkeit darf auch wahrlich nicht un-
logisch sein.
Aufrichtig gesprochen: die „Gerechtigkeit" hat mit der Jurisprudenz
viel weniger zu thun, als die Laien und manche wohlwollende Juristen
anzunehmen pflegen. Denn die Gerechtigkeitsliebe, jene moralische Ge-
sinnung , welche z. B. für sich nicht mehr als gebührt in Anspruch
nimmt an Vortheilen und Gütern (die öixaioaüvir] im Gegensatz zur
Tdeovsäit'a, d. h. jener Gesinnung, welche stets profitiren, stets mehr als
begründet ist in Anspruch nehmen will) ist zwar auch im Nechtsleben
nicht ohne Einfluß: sowohl was die Forderungen und die Gegen-
forderungen der Parteien, als was die Würdigung durch den Richter
anlangt, ist die aequitas vielfach von Bedeutung.
Aber nicht nur ist dies in der Gesammtheit des Rechtslebens doch
nur ein sehr verschwindendes Moment, es fehlt auch nicht an Fällen,
in welchen in direktem Widerspruch mit jener sogenannten Gerechtigkeit
das Recht Ergebnisse produzirt, welche die aequitas verletzen, welche
daher dem Laienverstand geradezu als schreiendes Unrecht erscheinen.
Und doch sind sie Recht, wenn auch vielleicht nicht gerecht; denn die
Aufgabe der Rechtspflege ist nicht, wie man salbungsvoll zu moralisiren
pflegt, die Realisirung der Idee der Gerechtigkeit, sondern der Idee
des Rechts. Diese sind aber keineswegs identisch, auch subordinirt sind
sie einander nicht, so daß das Recht lediglich äußeres Mittel zum Zweck
der inneren Tugend der Gerechtigkeit wäre; sondern das Recht ist Selbst-
zweck, genauer: ist Befriedigung eines eigenartigen Bedürfnisses der
menschlichen Vernunft und wie unter Umständen Konflikte zwischen dem
Recht und andern moralischen Tugenden (z. B. der Wohlthätigkeit) ent-
stehen können, so kann es auch Konflikte geben zwischen Recht und Ge-
rechtigkeit; wenn z. B. im Wechselprozeß wegen des abstrakten und
formalen Charakters der Skriptur-Obligation die Verurteilung des
Acceptanten erfolgt und dessen aus der „Gerechtigkeit" geschöpfte Ein-
reden, die sich etwa auf Widerruf des Trassanten oder auf mangelnde
Deckung stützen, abgewiesen werden, so scheint diese Konsequenz des for-
mellen Rechts eine Verletzung der moralischen Gerechtigkeit.
Aber die menschliche Vernunft, welche das Recht produzirt, arbeitet
auf diesem Gebiet mit einer eigenartigen Logik: sie hat erkannt, daß
bei der vernunftgemäßen Friedensordnung der äußeren Beziehungen der
Menschen untereinander und zu den Sachen jenes Moment, welches man
als Gerechtigkeit, Billigkeit, moralische Gesinnung zu beschreiben mehr
als zu befintmt pflegt, zwar auch ein Faktor, aber eben nur ein Faktor

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