Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

570

Dahn: Das Gewohnheitsrecht.

Gebiet dem Antritt der Erbschaft der Antike verdanken. Aber die Re-
zeption hätte eine freie Assimilation des für unsere Bedürfnisse Verwerth-
baren sein müssen, nicht eine unterscheidungslose Unterwerfung unter die
Autorität der Sammlungen Justinians, als wären diese ein für das
deutsche Reich publizirtes Gesetzbuch.
Man wird einwenden: „ist nicht die Möglichkeit dieser Rezeption
des fremden Rechts ein schlagender Beweis gegen die Grundaufsassung
der historischen Schule?"
Mit nichten: denn es war eben der deutsche Nationalcharakter und
die Gesammtheit der geschichtlichen Voraussetzungen, der politischen
und der Kultur-Zustände Deutschlands im 15. und 16. Jahrhundert,
was die Rezeption möglich und nothwendig machte. Und bei näherer
Prüfung erweist sich ja auch, daß die angebliche formelle Rezeption in
Wahrheit vielfach eine materielle Assimilation war, d. h. daß nicht nur
das ungelehrte Volk nach wie vor in seinem außergerichtlichen Rechts-
leben in den deutschen Anschauungen, mit wenigen Ausnahmen, fort-
lebte, daß die Juristen selbst ihre deutschrechtliche Haut nicht abzustreifen
vermochten und, ohne Wissen und Wollen, römische Institute wie patria
potestas, peculium, dos, donatio propter nuptias u. a. in deutschrecht-
lichem Sinn auffaßten und darstellten. —
Wenn in dem nächsten Abschnitt (Gewohnheit und Herkommen §. 5,
in welchem der Verf. ebenfalls ausführt, daß Uebung nicht Voraussetzung
der Entstehung von Gewohnheitsrecht sein kann) mit Berufung auf
Windscheid die „Maä)t der Thatsache, welche sich eine längere Zeit hin-
durch zu behaupten im Stande gewesen" hervorgehoben und im Anschluß
an Stahl betont wird, daß das einmal geübte Recht eben dieser Uebung
wegen Geltung habe, so sind doch Zeit und Uebung, diese realen Mo-
mente allein, nicht fähig, Recht zu gestalten; ein deutsches Rechts-
sprüchwort drückt dies trcffeitb aus:
„Hundert Jahre Unrecht ist keine Stunde Recht."
Nicht ein blos Thatsächliches, welches im Widerspruch gegen die
Rechtsüberzeugung des fraglichen Lebenskreises, z. B. mit Gewalt, eine
Zeit lang aufrecht erhallen wird, kann dadurch allein zum Rechte werden
— vom Gebiet des öffentliä)en Rechts, des internationalen und des
Staatsrechts und den Fragen der Legitimirung revolutionärer Gewalten
ist hier vorläufig abgesehen — : wenn z. B. im Mittelalter Raubritter
längere Zeit auf der Strom- oder Land-Straße ziehenden.Kaufleuten
einen Zwangzoll abnehmen, so kann aus diesem vielleicht durch ein
Menschenalter fortgesetzten Geschehen allein ein Recht nicht erwachsen.
„Die Rechtsüberzeugung erkennt allgemein jeder bestehenden Ordnung

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer