Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

Dahn: DaS Gewohnheitsrecht.

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die zwingende Gewalt der Logik: wie wir in andern, rein theoretischen
Gebieten eine Verschiedenheit der Ansichten durch gemeinsame logische
Operation zu beseitigen suchen, z. B. in einem mathematischen Problem,
so sucht eine Volks- oder Familien-Genossenschast das zugleich theore-
tische und praktische Problem, wie es z. B. mit dem Nachlaß eines
Verstorbenen gehalten werden solle, (ob derselbe als herrenloses Gut behandelt
und von jedem beliebig okkupirt oder an Verwandte — und zwar an
welche? — des Verstorbenen vcrtheilt oder noch bei dessen Lebzeiten auf
den Todesfall auch Fremden zugewendet werden könne) so zu lösen,
wie es ihrem Charakter und den geschichtlichen Voraussetzungen nach
dieser Genossenschaft als das Vernunftnothwendige erscheint; von dem
durch das Rechtsideal dieser Genossenschaft gefundenen und geforderten
Prinzip aus — dies wird zunächst, wie Sprache und Sitte, ohne Re-
flexion produzirt — werden dann im Detail die konsequenten Satze
entwickelt, z. B. daß, wenn bei Familienerbfolge die Gradnähe der
Verwandtschaft allein entscheidet, das sogenannte Repräsentationsrecht
der Kinder vorverstorbener Kinder oder Geschwister des Erblassers nicht
gelten könne. Das ist eine logisch nothwendige Deduktion und wir
fordern Anerkennung dieses Satzes wie etwa einer mathematischen
Konklusion; wer letztere nicht anerkennen will, nach geführtem Beweise,
den überlassen wir achselzuckend seinem Jrrthum. Anders freilich im
Rechtsgebiet, weil hier die logische Entscheidung nicht nur eine theore-
tische ist, — zunächst ist sie das, wie jede logische Operation — sondern
sehr wichtige praktische Folgen hat: theoretische Forderungen z. B. der
Sohnes-Söhne werden theoretisch abgewiesen werden mit Berufung
auf das Prinzip der Gradnähe als das dermalen herrschende; suchen sie
ihre Nicht-Anerkennung dieser Konsequenz durch Handlungen, z. B. An-
maßen von Erbschaftssachen, zu bethätigen, so werden sie freilich auch
thätlich zur Anerkennung gezwungen.
Kömmt es nun im Fortschritt der Kultur zur Bildung des Staates,
dann freilich, aber auch erst dann, wird auch die Selbsterhaltung des
Staats und die Aufrechthaltung seines ausgesprochenen Willens, des
Staatsgesetzes, als eine Vernunftnothwendigkeit empfunden und die
Verletzung desselben zunächst um der formellen Gehorsamspflicht willen
nicht geduldet; der materielle Grund dieser Verpflichtung aber ist die
Vernunftnothwendigkeit des Staats und seines Rcchtswillens.
In dem nächsten Abschnitt, der vom Gewohnheitsrecht handelt,
wird zunächst (nach dem Vorgang von Unterholzner, Mühlenbruch, Kie-
rulff) an der ursprünglichen Puchta-Savigny'schen Theorie gerügt, daß
gerade eine national verbundene Gesammtheit von Menschen als

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