Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

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Göz: Die Advokatur in Württemberg.

preisgegeben; wenn auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen hier
wie auch auf anderen Gebieten des württembergischen Rechts, z. B. bei
der neuerdings der Heiterkeit des deutschen Reichstags anheimgefallenen
Preß- und Vereinsgesetzgebung, eine gegründete Besorgniß nicht vor-
liegt, daß die Regierung von der ihr vertrauensvoll belassenen patriarcha-
lischen Machtfülle einen willkürlichen, und verderblichen Gebrauch machen
werde, so hat doch ein so prekärer Zustand unter allen Umständen sein
Mißliches und kann Ln politisch bewegten Zeiten von der Regierung
als wirksame Zuchtruthe gegen eine etwaige Oppositionslust des Anwalt-
stands benutzt werden.
3. Die soziale Stellung des Anwaltstands.
Die im Jahre 1821 festgestellte „Rangordnung der Königlichen
Diener und Beamten" setzt die Obertribunal- und Oberjustiz-Prokura-
toren auf die achte, die übrigen öffentlichen Rechtsanwälte auf die
neunte, d. h. vorletzte Rangstufe; letztere treffen dort eine sehr gemischte
Gesellschaft, unter Anderen die Geheim- und Ministerialkanzlisten, die
höheren Hofoffizianten, die Gestüts- und Salzverwalter, die Post- und
Münzmeister, während die untersten Justizbeamten — neuerdings aus
Gerichtsaktuaren in Justizassessoren umgetauft — aus dieser Gesellschaft
heraus in die achte Rangstufe vorgeschoben worden sind. Leider ent-
spricht dieser offiziellen Lokation im Ganzen und Großen die Werth-
schätzung, welche die bürgerliche Gesellschaft dem Anwaltstand in Würt-
temberg zollt. Wohl hat dieser, den die Absperrung vom Staatsdienst
vielfach zur politischen Agitation führte und an die Spitze der politi-
schen Opposition stellte, im politischen Leben in allen Phasen der kon-
stitutionellen Entwicklung Württembergs eine hervorragende Rolle ge-
spielt: unter den 70 von den Städten und Oberamtsbezirken gewählten
Landständen befanden sich in den Jahren 1862 und 1866 fünfzehn, im
Jahre 1869 zehn Rechtsanwälte, unter den siebzehn Zollparlaments-
Abgeordneten des Jahres 1868. deren vier, der deutsche Reichstag zählt
gegenwärtig fünf immatrikulirte württembergische Anwälte zu seinen
Mitgliedern; wohl ist eine Reihe der bedeutenderen Namen Württem-
bergs, wenn auch nicht gerade aus dem Anwaltstande hervorgegangen,
so doch eine Zeit lang in demselben gestanden; wohl giebt es einzelne
Anwälte, welche durch ihre Persönlichkeit beim Richterstand wie beim
Publikum ein hervorragendes Ansehen genießen; allein die durchschnitt-
liche soziale Stellung der Anwälte steht unter dem Niveau des vom
Richterstand behaupteten Ansehens und ist der Würde ihres Berufs
und der Bedeutung ihrer Aufgabe nicht entsprechend. Von dem juristi-

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