Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

Gvz: Die Advokalur in Württemberg.

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reform festgehaltene Ausschließung des Anwaltzwangs, welche übrigens
thatsächlich der Thätigkeit der Anwälte wenig Eintrag Ihut, sofern, wie
dies die Anforderungen des öffentlich-mündlichen Verfahrens mit sich
bringen, bei den Streitgegenständen von höherem Betrag fast ausnahms-
os Anwälte fungiren.
Eine gesetzlicheOrganisation hat der Anwaltstand bis jetzt inWürttem-
berg nicht gefunden; einen rudimentären Ansatz hierzu zeigen die Vorstand-
schaften der Prokuratoren der Kreisgerichte, welche innerhalb des Kreis-
gerichtssprmgels den Turnus der Armenanwälte zu bestimmen und eine
gewisse Kontrole über die Selbstbeurlaubungen der Anwälte auszuüben
haben, wofür sie von der Uebernahme der Armenprozesse befreit sind und
ausschließlich mit der Führung der Fiskalprozesse bedacht werden sollen.
Der neue Entwurf einer Anwaltordnung nimmt im Anschluß an die
Vorgänge in Hannover, Oldenburg und Sachsen die korporative Selbst-
verwaltung des Anwaltstands durch Anwaltvereine und Anwaltkammern
und eine kollegiale Selbstdisziplin durch ein Dienstgericht und Diszipli-
narräthe in Aussicht. Zu einer freiwilligen Organisation haben bis jetzt
die württembergischen Rechtsanwälte auch in den größeren Städten keine
Neigung bekundet.
Die Befugnisse und Verpflichtungen des Anwalts im Verhältniß
zu seinem Auftraggeber sind im Wesentlichen die gemeinrechtlichen; be-
züglich der Belohnung bestimmt Art. 131 der neuen Civilprozeßordnung:
„Die Feststellung der Gebühren bleibt künftiger Gesetzgebung Vorbehalten,
bis dahin werden dieselben durch königliche Verordnung bestimmt. Die
Verabredung einer höheren Gebühr ist der eigenen Partei gegenüber zu-
lässig." Die hier vorgesehene provisorische Gebührenordnung ist durch
eine königliche Verordnung vom 29. Januar 1869 festgesetzt worden.
Statt der veralteten sehr dürftig zugemessenen Taxen, welche, weil vor-
zugsweise nach dem Umfang der Schriftsätze berechnet, in dem vor-
wiegend schriftlichen Verfahren einer geistlosen Weitläufigkeit und mechani-
schen Geschäftsbehandlnng Vorschub leisteten, hat diese Verordnung im
Anschluß an das in Hannover, Braunschweig und Oldenburg adoptirte
sog. gemischte System, welches die Pauschgebühr mit der Honorirung
der Einzelleistungen kombinirt, einen anständigen, die konzentrirte gei-
stige Thätigkeit prämiirenden, dem Spielraum des richterlichen Ermessens
thunlichst entzogenen Tarif eingeführt. Da dieser Tarif im. Verord-
nungsweg erlassen worden ist, und die künftige definitive gesetzliche Re-
gelung der Auwaltgebühren von der Zustimmung der Regierung ab-
hängt, so ist die Erhaltung dieses Tarifs und damit die ganze ökono-
mische Existenz des Anwaltstands dem guten Willen der Negierung

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