Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

Göz: Die Advokatur in Württemberg. 43
2) Die königliche Ermächtigung.
Die Bewerber haben sich mit ihrem Gesuch um Zulassung zur
Advokatur an das Justiz-Ministerium zu wenden, welches hierauf nach
Bernehmung des Kreisgerichtshofs, in dessen Sprengel der Petent seinen
Wohnsitz nehmen will, die königliche Entschließung über das Gesuch ein-
zuholen hat. Die Zugelassenen werden in die Matrikel eingetragen, von
welcher bei jedem Gerichtshof ein Exemplar aufzubewahren ist, und bei
dem Gerichtshof ihres Kreises eidlich verpflichtet.
Ist so auch das von der gegenwärtigen Neformagitation an die
Spitze gestellte Postulat der „freien Advokatur" in Württemberg gesetz-
lich nicht fanktionirt, so muß doch konstatirt werden, daß bei der Nicht-
existenz eines nnm6i'U8 clausus und bei der geringen Anziehungskraft,
welche die Advokatur in Vergleichung mit dem Nichteramt auf den ju-
ristischen Nachwuchs ausübt, die königliche Entschließung, weil stets ge-
während, fast zu einer bloßen Formalität geworden ist, und der Zutritt
zur Advokatur tatsächlich zur Zeit Jedem freisteht, welcher die gesetz-
lichen Vorbedingungen erfüllt hat.
2. Die rechtliche Stellung des Anwaltstands.
Die Rechtsanwälte sind in Württemberg zwar nicht „Staatsdiener"
im Sinn der Dienstpragmatik, wohl aber „öffentliche Diener" im Sinn
des Strafgesetzbuchs, das in ausgedehnterem Maße als das Strafgesetz-
buch des deutschen Bundes eine Reihe von Verletzungen ihrer Berufs-
pflichten mit krimineller Strafe bedroht. Die Uebernahme eines besol-
deten Staatsamts ist mit der Advokatur unvereinbar, dagegen nicht die
Ausübung des Berufs der immatrikulirten Notare; auch kann ein Advokat
ein Korporations- oder Gemeindeamt im Fall der Einwilligung des
Justizministeriums bekleiden, welche nur verweigert werden soll, wenn
die Verrichtungen des Nebenamts nach ihrem Inhalt mit der Ausübung
der Advokatur unverträglich sind oder dieselbe nach ihrem Umfang beein-
trächtigen: das im Jahre 1869 ausgegebene Hof- und Staatshandbuch
zählt unter 225 Rechtsanwälten acht auf, welche zugleich das Amt eines
Ortsvorstehers versehen, ohne dadurch gesetzlich selbst innerhalb ihres
Gemeindebezirks an der Ausübung der Advokatur verhindert zu werden,
und sechs, welche zugleich in die Notariatsmatrikel eingetragen sind.
Eine allgemeine, die Amtsführung der Anwälte nach allen Rich-
tungen kontrolirende Disziplinargewalt ist den Gerichten nicht zugewiesen,
wohl aber unterstehen die Anwälte in Betreff ihrer gerichtlichen Funktionen
in gleicher Weise wie die Parteien der korrektionellen Strafgewalt des
jeweiligen kognoscirenden Gerichts, welche sich in Geld- und Gefängniß-

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