Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

360 Vierling: Die Vorbildung der bayerischen Rechtskandidaten
Die jungen Leute sind daher, soweit sie nicht bei Advokaten oder
Notaren Beschäftigung sinden, auf die Genchtspraxis angewiesen. Im
Kriminale ist dieselbe nun jedenfalls instruktiver als im Civile. Denn ein-
mal werden die jungen Juristen öfters als Vertheidiger gewählt oder
aufgestellt, daun aber wird ihnen das Anfertigen des Beschlusses auf
die Voruntersuchung und die Führung des Sitzungsprotokolls überlassen.
Letzteres setzt eine genaue Kenntniß des Verfahrens und, soweit es sich
um Beurkundung der Aussagen von bereits vernommenen Zeugen oder
Sachverständigen handelt, eine möglichst genaue Kenntniß der Akten
voraus. Sie werden auch weiter mit der Beurkundung der Rechts-
mittel und der Anfertigung von Beschlüssen im Strafvollzug beschäftigt.
Die Anfertigung eines Protokolls z. B. über eine Schwurgerichtssitzung
ist keine geringe Aufgabe, wenn man erwägt, wie der Nachweis über
die Einhaltung der wesentlichen Formalien oft lediglich aus dem Pro-
tokolle zu nehmen, und andererseits wie reich an Formen unser schwur-
gerichtliches Verfahren'ist.
Schlimmer steht es mit der Civilpraxis. Hier könnten sie amtlich
nicht anders denn als Gerichtsschreiber fungiren. Die bayer. Prozeß-
ordnung kennt aber kein Protokoll über die öffentliche Sitzung, sondern
nur das Urtheilsbuch, in welches sämmtliche Urtheile und Beschlüsse so-
wie allenfallsige auf Antrag vom Gerichte beschlossene Konstatirungen über
Anerkenntnisse und Geständnisse eingetragen werden. Letztere Konstatirungen
werden vom Gerichte in den Urtheilssatz mit der Formel: „Es wird
Urkunde ertheilt, daß rc." ausgenommen, das Urtheil selbst aber wird
dem Gerichtsschreiber vom Vorsitzenden nach der Verkündung übergeben,
und von diesem wörtlich in das Urtheilsbuch abgeschrieben. In der
Sitzung wird ein Protokoll nur ausgenommen, wenn Zeugen oder Sach-
verständige zu vernehmen sind, oder wenn die Sache durch Vergleich
erledigt wird. Der Vorsitzende diktirt dann dem Gerichtsschreiber die
Aussagen oder den Vergleich. Der Gerichtsschreiber hat sonach in der
öffentlichen Sitzung entweder gar nichts oder nur etwas sehr Mechanisches
zu thun. — In der geheimen oder „beruhenden" Sitzung ist nach dem
neuen Prozesse nur wenig zu thun. Wird hier ein Beschluß gefaßt, so
wird derselbe von dem Richter, welcher das Referat übernommen hatte,
niedergeschrieben und vom Vorsitzenden wie dem Gerichtsschreiber unter-
schrieben. Letzterer hat nichts weiter zu thun als zu unterschreiben und
noch neben den Namen des Vorsitzenden das Gerichtssiegel beizudrucken.
— Jeder Richter wird zugeben, daß in dieser Thätigkeit das geistige
Element nahezu Null, die Praxis höchst langweilig ist. Besonders die
alten Praktikanten, welche früher „die schönsten Referate" erledigt haben,

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