Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

326 Schimmelpfennig: Bemerkungen zu dem Entwurf eines Gesetzes

dies auch in Hessen üblich ist, bei den Akten zu behalten seien. Sie
siud bei einer späteren Prüfung der Rechnungen (vergl. §. 58) unent-
behrlich und es läßt sich nicht erwarten, daß sie der Vormund nach
Ablauf von Jahren noch vollständig beizubringen vermag.
8. Während nach hessischem Recht die Mutter als Vormünderin
von der Rechnungsablage überhaupt befreit ist, bestimmt der Entwurf,
daß eine solche Befreiung der Mutter nur dann stattfinden soll, wenn
sie die Gütergemeinschaft mit ihren minderjährigen Kindern fortsetzt.
Eine solche Gemeinschaft besteht aber überall da nicht, wo im Ge-
biet des gemeinen Rechts das römische Dotalrecht Anwendung leidet
und es würde hiernach die Bestimmung des Entwurfs das gewiß nicht
beabsichtigte Resultat herbeiführen, daß die Wittwen der Bürger und
Bauern, die in der Regel die güterrechtliche Errungenschaftsgemeinschaft
mit ihren minderjährigen Kindern fortsetzen, von der Rechnungslegung
befreit blieben, wogegen die Wittwen der Staats- und Gemeinde-
Beamten, der Geistlichen, Aerzte, Anwälte, der Mitglieder des Lehr-
und Wehrstandes zu jährlicher Rechnungsstellung verpflichtet wären,
obwohl sich mit gutem Grunde behaupten läßt, daß in der Regel grade
die letzteren durch Charakter und Bildung mehr Garantie für eine
sorgsame, gewissenhafte Vernlögensverwaltung gewähren.
Wir sind der Ansicht, daß hier die Bestimmung des hessischen
Rechts den Vorzug verdient, und finden es unnöthig und ungeeignet,
die leibliche Mutter der Pflegebefohlenen über ihre Verwaltung als
Vormünderin zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn man der Mutter gleich
dem Vater das Recht einräumt, einen Vormund zu berufen und den-
selben von der Rechnungslegung zu befreien, so kann man ihr auch die
Verwaltung ohne gerichtliche.Einmischung überlassen, eine Einrichtung,
bei welcher nach der Erfahrung der hessischen Gerichte keine Nachtheile
für die Pflegebefohlenen hervorgetreten sind; es ist erfahrungsmäßig,
daß die Mütter in der Regel das vorhandene Vermögen mit größerer
Sparsamkeit verwalten und besser Zusammenhalten, wie die Väter, daß
sie häufig wieder beibringen, was die letzteren schuldvoller Weise ver-
loren hatten.
Wir empfehlen daher statt des §. 60 folgenden Paragraphen:
„Die Mutter des Pflegebefohlenen ist als Vormünderin von
Rechnungslegung befreit."
9. Mit den §. 61 bis 67 des Entwurfs erklären wir uns im
Wesentlichen einverstanden. Das Amt eines Vormunds ist ein Ver-
trauensamt. Wenn man dem Vormund, der mit der Vormundschaft
eine Last, und oft eine recht große, auf sich nimmt, mit Mißtrauen

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