Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

322 Schimmelpfennig'. Bemerkungen zu dem Entwurf eines Gesetzes

Ansicht ist Märcker (a. a. O. S. 309), der sich übereinstimmend mit
uns dahin ausspricht, daß die obervormundschaftliche Genehmigung in
den oben unter 1, 2, 10, 11, 12 und 13 aufgeführten Fällen ohne Ge-
fahr für den Kuranden wegfallen könne.
II. Bemerkungen;u den einzelnen Paragraphen des Entwurfs.
1. Wie nach hessischem Vormundschaftsrecht die Mutter ein Recht
auf Uebertragung der Vormundschaft hat, zur Uebernahme derselben aber
nicht verpflichtet ist, so auch nach dem Entwurf (vergl. §. 16, §. 30 Nr. 1).
Während aber nach hessischem Recht die Mutter, sobald sie zur zweiten
Ehe schreitet oder sich außerehelich schwängern läßt, zur ferneren Ver-
waltung der Vormundschaft unfähig wird, bestimmt §. 16 des Ent-
wurfs ;
„Verheirathet sich die Mutter wieder, so hat das Gericht zu er-
messen, ob ihr die Vormundschaft zu belassen sei."
Diese Bestimmung müssen wir übereinstimmend mit Philler a. a.O.
S. 326 entschieden mißbilligen.
Die Mutter, welche zu einer weiteren Ehe schreitet, hört auf, das
Haupt ihrer Familie zu sein, ihr Interesse gehört nicht mehr ausschließ-
lich den Kindern aus erster Ehe, es wendet sich zugleich der neuen Ehe
zu, deren Schicksal für ihre Zukunft bestimmend ist. Dazu kommt, daß
sie als Ehefrau naturgemäß in ein Verhältniß der Abhängigkeit zu dem
zweiten Ehemanne tritt, dessen Einfluß regelmäßig sowohl bei der Er-
ziehung der Pflegebefohlenen, als bei der Vermögensverwaltung maß-
gebend sein wird, — denn wie viel Frauen giebt es, die sich diesem
Einfluß für die Dauer entziehen könnten? Der Entwurf selbst ist aber
mit Recht der Ansicht, daß .der Stiefvater zur Verwaltung der Vor-
mundschaft über sein Stiefkind nicht geeignet sei, indem er denselben im
§. 24 für unfähig erklärt, und es ist daher unseres Erachtens nur eine
Konsequenz dieser Bestimmung, daß man auch die Mutter, so lange der
Einfluß des Stiefvaters auf sie einwirkt, von der Vormundschaft aus-
schließt, hauptsächlich mit Rücksicht auf die Vermögensverwaltung, da
der Pflegebefohlenen Vermögen in den Händen des Stiefvaters nach
unserem Dafürhalten am meisten gefährdet ist.
Die Bestimmung, daß das Gericht der sich wieder verheirathenden
Mutter die Vormundschaft nach Ermessen entziehen oder belassen kann,
halten wir schon um deßwillen für ungeeignet, weil sie dem Vormund-
schaftsrichter hinsichtlich dieser wichtigen Frage eine übermäßige Verant-
wortlichkeit aufladet und ihn den Vormünderinnen gegenüber in eine
mißliche, unangenehme Lage bringt. Es fehlt aber auch bei einer solchen

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