Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

über das Vormundschaftswesen

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eidlich oder durch Handschlag an Eidesstalt verpflichtet, unterwirft man
den Vormund überdies bei einigermaßen erheblicher Vermögensverwaltung
einer fortwährenden speziellen Kontrole durch den Gegenvormund, so kann
und muß man ihm auch die väterlichen Rechte möglichst ungeschmälert
einräumen und eine nicht blos scheinbare, sondern wirkliche und wahre
Selbständigkeit gewähren; dann wird der Vormund im Bewußtsein seiner
Verantwortlichkeit der vormundschaftlichen Verwaltung mit Eifer, Lust
und Liebe sich annehmen und weit besser für den Pflegebefohlenen sorgen,
als wenn er — vom Vormundschaftsrichter in allen wichtigen Ange-
legenheiten abhängig — bei seiner Verwaltung fortwährend auf Hin-
dernisse und Weitläuftgkeiten stößt. Wird dem Vormund die erforder-
liche obervormundschaftliche Genehmigung bei Rechtsgeschäften, die er
nach gewissenhafter Ueberzengung im Interesse des Pflegebefohlenen für-
geboten erachtet, mehrmals versagt — und die Praxis lehrt, mit welcher
Aengstlichkeit und Kleinlichkeit die Vormundschaftsrichter bei der Consens-
ertheilung hie und da zu Werke gehen — so wird ihm sein Amt sehr
bald verleidet werden und er wird in eine Unthätigkeit und Unselbst-
ständigkeit verfallen, die das Gesetz den Motiven zufolge grade beseitigt
sehen will.
Je beschränkter die Stellung des Vormunds ist, je mehr Wege er
zum Vormundschaftsgericht zu machen hat, desto größer ist die Abneigung
gegen das vormundschaftliche Amt — je abgeneigter und widerwilliger
der Vormund der Verwaltung sich unterzieht, desto größer ist die Last
des Vormundschaftsgerichts, die dann in der Regel eine oberflächliche
Prüfung und Behandlung der obervormundschaftlichen Angelegenheiten
zur Folge hat — das sind Sätze, die sich in der Praxis gewiß überall
bewahrheitet haben.
Nach dem Entwurf soll die Genehmigung des Vormundschafts-
richters in folgenden Fällen erforderlich sein:
1) bei Festsetzung der Erziehungskosten (§. 83),
2) bei der Wahl eines Berufs (§. 87),
3) bei Adoption und Einkindschaft (§. 87),
4) bei der Verheirathung (§. 87),
5) bei der Auswanderung in ein Gebiet außerhalb des norddeutschen
Bundes (§. 87),
6) bei Erbtheilungen (§. 96),
7) bei der Veräußerung von Grundeigenthum (§. 110),
8) bei dinglicher Belastung von Grundeigenthum (§. 114),
9) bei der Annahme von Erbschaften ohne Vorbehalt und Entsagung
von Erbschaften oder Vermächtnissen (§. 123),

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