Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

316 Schimmelpfennig: Bemerkungen zu dem Entwurf eines Gesetzes
die nöthige Auctorität fehlen und Familienrücksichten, sowie persönliche
Rücksichten sonstiger Art einer wirksamen Aufsicht hemmend entgegen-
stehen würden. Auch nach französischem Recht ist es nicht die Familie
allein, aus welcher der Famlienrath gebildet wird, sondern der Friedens-
richter, als Organ des Staates, steht an seiner Spitze, führt bei den
Berathungen den Vorsitz und ist stimmberechtigt, wie denn daneben auch
dem Gericht immer noch eine, wenn auch beschränkte, Oberaufsicht zu-
steht. Ueberdies ist der Familienrath des französischen Rechts (vergl.
S. 47 der Motive) eine so schwerfällige, für die Verwandten des Pflege-
befohlenen so lästige Einrichtung, daß wir nicht begreifen, wie sich der-
selbe in der Praxis bewähren kann; in ärmeren Gegenden auch kaum
ausführbar, da man den unbemittelten Verwandten ohne große Un-
billigkeit nicht zumuthen kann, lange Jahre hindurch ohne Entschädigung
im Interesse des Pflegebefohlenen ihre Zeit zu versäumen. Wir können
mit Bestimmtheit behaupten, daß ein solches Institut in Hessen nicht
den geringsten Anklang finden würde.
Aber auch der Gemeinde läßt sich eine selbständige Oberaufsicht
über das Vormundschaftswesen nicht übertragen. Zwar ist die Gemeinde
in erster Linie dabei interessirt, daß die ihr ungehörigen Pflegebefohlenen
eine gute Erziehung erhalten, behufs Erwerbung ihres Lebensunterhalts
den den Verhältnissen entsprechenden Unterricht genießen und so zu tüch-
tigen Gemeindegliedern ausgebildet werden, sodann aber auch, daß hin-
sichtlich des vorhandenen Vermögens eine sparsame, geregelte Verwal-
tung stattfinde, auf daß der Wohlstand in der Gemeinde zunehme und
dieselbe nicht in die Lage komme, die Unterhaltung des Pflegebefohlenen
aus ihren Mitteln bestreiten zu müssen. Ließe sich nun auch in großen
und mittleren Städten die Aufsicht über die Vormundschaften den Ma-
gistraten recht wohl überweisen, so sind dagegen die Ortsbehörden der
kleineren Städte, sowie der Landgemeinden offenbar nicht im Stande,
ein so wichtiges Amt zu übernehmen, da es denselben in der Regel an
den geeigneten Persönlichkeiten fehlt und sich auch hier Rücksichten ver-
schiedenster Art bei der Beaufsichtigung der Vormünder geltend machen
würden, ganz abgesehen davon, daß eine gleichmäßige Organisation der
ländlichen Gemeinden in den verschiedene Provinzen nicht besteht.
Wenn hiernach der Staat die Aufsicht über das Vormundschafts-
wesen selbst in die Hand nehmen muß, so ist den Motiven zum Ent-
wurf (S. 49 fg^ darin beizustimmen, daß sie die Gerichte, die das
Amt der Qbervormundschaft in fast allen Provinzen von jeher aus-
geübt haben, als das hierzu geeignetste Organ ansehen.
3. Mit Recht überträgt der Entwurf die Leitung des Vormund-

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