Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

Literatur.

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bisherige Stellung zur Volksschule verlieh, setzte die geistliche Behörde jedem
Versuche der Negierung, dieö Verhältniß gesetzlich zu regeln, von vornherein
den entschlossensten und hartnäckigsten Widerstand entgegen. Die Negierung
war zu weitgehenden Zugeständnissen bereit; die Denkschrift des von ihr an
die Spitze der neuerrichteten Oberschulbehörde berufenen Professors Knies (im
Auszuge S. 78 ff.) sprach sich nicht nur für die Beibehaltung des Religions-
unterrichts sondern auch für die Erhaltung des konfessionellen Charakters der
Schulen aus, deren Umwandlung in gemischte nur auf den Antrag der Ge-
meinden, unter getrennter Abstimmung der stimmfähigen Mitglieder beider
Konfessionen, vorgenommen werden sollte. Dies Entgegenkommen wurde
von der Kurie nicht nur unter Vorkehren des schroffsten prinzipiellen Gegen-
satzes zurückgewiesen, sondern auch durch die Erhebung der unbegründetsten
Anklagen erwiedert. Unter der Parole, es gelte die Entchristlichung der Schule
abzuwehren, wurde die umfaffeudste Agitation organisirt, das Vorgehen der
Regierung als ein Angriff bezeichnet, welcher Kirche, Christenthum und Re-
ligion mit den schlimmsten Gefahren bedrohe, in der Presse, auf Wander-
versammlungen, in Konferenzen des Klerus die heftigste Sprache geführt.
Dieser Sturm wiederholte sich in verstärktem Maße, als die Regierung den
Entwurf eines Schulaussichtsgesetzes in dem von Knies vorgeschlagenen Sinne
ven Ständen vorlegte. Der Erzbischof veröffentlichte alsbald einen förmli-
chen Protest gegen die Grundsätze des Entwurfs, in welchem jede Mitwirkung
der Geistlichkeit zur Durchführung eines solchen Gesetzes im Voraus versagt
wurde; er ermahnte seine Diözesanen in einem Hirtenbriefe, die katholische
Erziehung ihrer Kinder zu vertheidigen, indem er darauf hinwies, daß „selbst
wilde Thiere mit Lebensgefahr ihre Jungen vor den feindlichen Angriffen
vertheidigen." Auch das Mittel der Massenpetitionen blieb nicht unversucht.
Die Negierung ließ sich durch nichts beirren. Der Entwurf wurde von den
Ständen angenommen und als Gesetz publizirt. Aber auch der Erzbischof
hielt Wort. Er verbot den Geistlichen geradezu, in die neuen Schulaufsichts-
behörden (Ortsschulräthe) einzutreten, sich an deren Geschäften zu beiheiligen
oder mit ihnen in irgend einen geschäftlichen Verkehr zu treten. Gleichzeitig
stellte es die klerikale Presse als eine Pflicht der Gläubigen hin, sich der
Theitnahme an den Wahlen der Ortsschulräthe zu enthalten. Ja man suchte,
als alles dies nichts half, direkt auf die Person des Landesherrn einzuwirken,
indem derselbe durch Deputationen und Petitionen auf das Dringendste an-
gegangen wurde, das Schulaufsichtsgesetz aus eigener Machtvollkommenheit zu
beseitigen; eine Forderung, die der Großherzog in einem Schreiben an den
Minister Lamey (S. 102) in würdigster Auffassung der Stellung der Krone
nachdrücklich zurückwies. — Die Folgen dieses Vorgehens haben sich an
Niemand mehr gerächt als an der katholischen Geistlichkeit selbst. Die neue
Schulverfasfung hatte ihr eine wenngleich beschränktere, aber immerhin noch
erhebliche Einwirkung auf die Volksschule anheimgestellt. Als die Geistlich-
keit ihre Mitwirkung verweigerte, lernte man, daß es auch ohne sie
ging. Eine-Gemeinde nach der andern wandelte ihre konfessionellen Schulen
in gemischte um. Ueberall traten die Ortsschulräthe in Funktion. Die
Wahlen zur Landesvertretung fielen gründlich antiklerikal aus. Und als die
Regierung, nachdem sie auch hier wieder zuvor in mühseligen Verhandlungen
eine Verständigung mit dem Erzbischof vergebens gesucht hatte, den Ständen
Zettschr. f. d. deutsche Gesetzgebung. YJ. 19

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