Full text: Volume (Bd. 6 (1872))

280

Literatur.

unserer Tage voraussichtlich nur eine Phase zu bilden, aber nicht den endlichen
Abschluß zu erreichen bestimmt sind.
Soweit die Ansichten über den Weg, den die Gegenwart einzuschlagen
hat, auch auseinander gehen: darüber herrscht augenblicklich kein Zweifel, daß
es umfassender, in viele Verhältnisse des öffentlichen Lebens tief eingreifender
Arbeit der Gesetzgebung bedarf, um das schwere Werk dieser Auseinander-
setzung zu einem irgendwie nachhaltigen Ergebniß zu fördern. Schlagworte,
wie die Einheit des Staatsbegriffs, oder wie die Trennung der Kirche vom
Staat, reichen wohl hin zur Bezeichnung der entgegengesetzten Systeme, die
bei der Lösung dieser schwierigen Aufgabe befolgt werden können. Aber es
war ein verhängnisvoller Irrthum, die Aufgabe selbst schon darum für ge-
löst zu halten, weil man sich für das eine oder andere dieser Systeme ent-
schieden hatte. Dieser Irrthum wird gegenwärtig grade da am klarsten ein-
gefehen, wo das Schlagwort des Systems die Geltung einer Vertragsbestimmung
erlangt hat, die gesetzliche Durchführung aber unterblieben ist. Die Folgen
solcher Unterlassungssünden treten jetzt, wo man sich vergebens nach dem
schützenden Obdach haltbarer Spezialgesetze umsieht, so empfindlich zu Tage,
daß es neuerdings einigermaßen üblich geworden ist, von dem Werthe jener
grundgesetzlichen Verfassungsnormen geringschätzig zu sprechen, uneingedenk, wie
viel edle Kraft an ihre Erringung darangesetzt worden ist, und als ob das
Fundament eines Baues, dessen weitere Ausführung sich verzögert hat, darum
schlecht sein müßte. Wäre es nicht nützlicher, Richtscheit und Kelle frisch zur
Hand zu nehmen, statt auf's Neue über den Bauplan zu streiten? Oder
glaubt man etwa, daß der Bau rascher von Statten gehen und besser ge-
rathen werde, wenn man es überhaupt aufgiebt, einem bestimmten Plane zu
folgen, und sich darauf beschränkt, den jeweilig am stärksten hervortretenden
Uebelständen durch gelegentliches Flick- und Stückwerk nothdürftig abzu-
helfen ?
Bei dem unfertigen und wirren Zustande, in welchem sich die staats-
kirchenrechtlichen Verhältnisse zumeist befinden, ist es doppelt lehrreich, den
Blick auf Länder zu wenden, in denen das Werk der Auseinandersetzung
zwischen Kirche und Staat rüstig in Angriff genommen und konsequent durch-
geführt worden ist. Unter diesen Ländern steht in Deutschland sowohl in
dem Verhältniß zur katholischen als auch in dem zur evangelischen Kirche,
das Großherzogthum Baden obenan. In diesem Staate, der auf politischem
wie auf kirchlichem Gebiete unter allen deutschen Ländern am meisten von
den Sturmstuthen der Bewegung des Jahres 1848 und. von deren Rück-
schläge zu leiden gehabt hat, ist es seit 1860 dem besonnenen aber that-
kräfligen Vorgehen von Staatsmännern, deren Wirksamkeit durch eine schöne
Eintracht zwischen Fürst und Landesvertretung nachhaltig unterstützt wurde,
gelungen, die Rechte des Staates gegenüber der evangelischen und der katho-
lischen Kirche durch eine umfassende gesetzgeberische Thätigkeit klar abzugrenzen
und dauernd zu befestigen. Die Durchführung dieses Werkes verdient um
so größere Beachtung, als die badische Regierung dabei, was das Verhältniß
zur katholischen Kirche anbetrifft, den äußersten Widerstand eines ebenso zähen
als energischen Gegners zu überwinden hatte, der kein Mittel unversucht ließ,
um seine Ziele durchzusetzen, während der Regierung durch die Stellung des

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