Full text: Volume (Erg.Bd. 1902 (1902))

470 Opitz, Der Entwurf eines Wassergesetzes für das Königreich Sachsen.
wortung der obigen Frage nicht die Rede sein. Zur Zeit aber liegen weder der-
artige statistische Erhebungen vor, noch kann man sich auf endgiltige Aussprüche
der hydrotechnischen Wissenschaft über diesen Punkt beziehen. Will man sich aber
an der Hand der bisherigen Erfahrungen in bloßen Muthmaßungen über das
zukünftige Ergebniß derartiger Erhebungen ergehen, so dürsten diese vielmehr dafür
sprechen, daß die Beantwortung der obigen Frage verneinend ausfallen, d. h.
dahingehen wird, daß die Kosten einer allgemeinen Erhaltung der Vorfluth keines-
wegs durch die Vortheile der letzteren ausgewogen werden. Und diese letztere
Annahme zu begründen, fällt nicht schwer. Immer vorausgesetzt, daß es sich bei
der Herstellung und Erhaltung der Vorfluth nur um diese und nicht um die
ganz anderen Zwecken dienenden, unten zu behandelnden Maßnahmen größeren
Stils zur Erhöhung der Nutzbarkeit der fließenden Gewässer handelt, so lassen
sich die diesbezüglichen Verhältnisse auch schon jetzt einigermaßen übersehen. Die
Unterhaltung der fließenden Gewässer auch in dem beschränktesten Sinne, also im
Sinne der Sicherung der ordnungsgemäßen Vorfluth, würde zum mindesten zu
bestehen haben: in der Freihaltung des normalen Flußprofils und den hierzu er-
forderlichen Maßnahmen, insbesondere der Auskrautung der Flußrinne, der Be-
freiung der Sohle von Anhegerungen, der Befestigung der Ufer, der Ausgleichung
von Ein- und Ausbuchtungen, der Aufeisung u. s. w. Und diese Herstellungen würden
nicht blos einmalige sein dürfen, sondern sie sind in jedem Falle, wo das Normalprofil
gestört worden ist, von Neuem vorzunehmen. Bekanntlich aber gehören Wasserbauten in
den meisten Fällen zu den schwierigsten und kostspieligsten Bauten. Die Kosten, die sie
verursachen, erreichen erfahrungsgemäß bisweilen auch bei anscheinend ganz unbedeu-
tenden Bauten eine unverhältnißmäßige Höhe, bei umfänglichen Bauten aber sind sie
meist von vornherein gar nicht zu übersehen. Und nun denke man sich einmal, daß diese
Herstellungen bei allen fließenden Gewässern von den größten bis zu den kleinsten im
Lande, und gleichviel ob sie sich im Ober-, Mittel- oder Unterlaufe nöthig machen, nach
jederStörung des Normalprofils vorzunehmen wären, und was hiervon die Folgen
sein müßten. Wir werden schwerlich zu hoch greifen, wenn wir behaupten, daß schon
die erstmalige Herstellung aller fließenden Gewässer des Landes Hunderte von
Millionen Mark verursachen, bei der Erhaltung dieser Herstellung aber jährlich weitere
Millionen Mark Kostenaufwand verursacht werden würde. Fragen wir aber, welche
Vortheile mit diesen Hunderten von Millionen Mark erkauft würden, so werden wir
einigen Anhalt für die Beantwortung finden, wenn wir diese Frage umkehren, wenn
wir also die Frage nicht so stellen, wie groß sind die aus diesen Maßnahmen
zu erhoffenden Vortheile, sondern wie groß ist der Schaden, der daraus erwachsen
ist, daß solche Herstellungen bisher nicht vorgenommen worden sind? Der gegen-
wärtige Zustand und die gegenwärtige Verfassung unserer fließenden Gewässer ist
das Ergebniß einer Jahrzehnte, ja es hält nichts ab anzunehmen, einer Jahrhunderte
langen, in Sachsen im Wesentlichen durch die Gesetzgebung nicht beeinflußten Ent-
wickelung. Nun wird ja Niemand bestreiten wollen und können, daß diese Ver-

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