Full text: Volume (Bd. 1 (1826))

Rechtsphilosophie.

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Menschen, sey über sein Derhaltniß zu Anderen eine doppelte
Reihe von Wichten begründet, wovon die eine auf das von
der Vernunft gebotene Wohlwollen gegen Andere und die Be,
förderung der Vollkommenheit derselben sich beziehe, wobei aber
zugleich die Frage ob und wie sie ausgeübt werden müßten,
von individuellen Umstanden abhange, deren Beurtheilung ganz
dem Verpflichteten anheimfalle. Sie heißen eben deßhalb G e-
wissens- oder unvollkommene Pflichten; über sie ent-
scheide das Sittengesetz. Dle zweite Reihe von Pflichten
dagegen bestehe aus solchen, die dem gleichfalls von der Ver-
nunft gegebenen Gebot der Achtung der Freiheit der koeristiren»
den vernünfligsinnlichen Wesen entsprechen, und die sich beson-
ders in der Enthaltung jeder Verletzung der Anderen und in
der Befugniß, jede Handlung vorzunehmen, welche nicht gegen
ihre äußere Freiheit verstoße, sich äußern, und deren charakte-
ristischer Unterschied von der ersten Reihe hauptsächlich darin
bestehe, daß hier die Befugnisse mit Zwang geltend gemacht
werden könnten, weßhalb die ihnen entsprechenden Pflichten auch
Zwangs- oder vollkommene Pflichten genannt würden.
Die auf sie sich beziehenden Normen bildeten den Inhalt des
Naturrechts.
Dieser einen Hauptansicht, die sich seit Thomasius be-
-stimmt zu entwickeln anfieng und in der sich alle die spateren
NRsysteme bis herab auf Kant konzentrirten, stellte sich nun
aber eine zweite entgegen, welche die Existenz eines solchen
von der Moral getrennten besondern Zwangsrcchtö in dieser
Art in Zweifel zog, und in welcher sich sowohl Juristen als
Philosophen vereinigten, so sehr sie wieder in dem, was sie
an die Stelle dieses bisherigen Naturrechts setzen wollten, von
einander abwichen. Unter Jenen gab den ersten mächtigen
Anstoß, fast gleichzeitig mit der Erscheinung der metaphysischen
Anfangsgründe der Nechtslehre, Hugo, welcher der Thoma-

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