Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

Schmidt: Methode der Auslegung der Justin. Rcchtsbücher. 65
jede sorgfältigere Betrachtung des Oorpus ckurls lehren, daß nicht alle
Anschauungen der alten Juristen ohne Weiteres in das Justinianische
Rechtswerk paffen. Auch glauben wir nicht, daß Vers, die Behand-
lung, welche das 6. J. von den Glossatoren erfuhr, richtig be-
urthetlt. Wenn Savigny (Gcsch. des R. R. im M. A. Bd. 5
S. 228) von ihnen sagt: „sie strebten, durch vergleichendes und ver-
bindendes Denken in den Sinn der alten Juristen einzudringen", so
ist damit noch keineswegs gemeint, wie der Vers. S. 165 behauptet,
„daß sie die einzelnen Stellen ohne Rücksicht aus ihr Verhältniß zur
Compilation auslegten." Der Gegensatz der herrschenden Methode
zu der vom Verfasser vertretenen besteht demnach nicht darin, daß
jene gar keine Rücksicht auf das Justinianische System nimmt —
sondern darin, daß sie dieses durch selbstständiges Denken aus dem
inneren Wesen des Stoffes zu ermitteln sucht, während Verf. sich an das
äußere Fachwerk halten und hiermit wie mil Schablonen operiren will.
Interessant sind die Aeußerungcn des vielcrfahrenen Praktikers
darüber, was ihm als wirkliche Quelle des in praxi angewendeten
gemeinen Rechts erscheint. Von noch größerem Interesse wäre aber
ein ausführliches motivirtes Votum über die Zweckmäßigkeit eines
umfassenden Gesetzbuches gewesen. Unser Verf. geht darüber sehr
kurz hinweg, was wir bedauern; denn wie wenig Andere ist er im
Stande, uns Erfahrungen über einen buntscheckigen Rechtszustand mitzu-
theilen, welcher auf verhältnißmäßig kleinem Gebiet, außer dem Gem.
Recht mehr als zehn verschiedene Land- und Stadtrechte und eine
hundertbändtge Gesetzsammlung anfzuweisen vermag. Wenn auch von
einem umfassenden Gesetzbuch „keine vollkommene Rechtssicherheit
„zu erwarten und noch weniger anzunehmen ist, daß dadurch Jeder
das Detail deö Rechts kennen lernen könne" (S. 180), so sind wir
doch der Meinung, daß man von diesem Extrem noch gar zu weit
entfernt ist, als daß seine Unerreichbarkeit irgend in Betracht kom-
men dürfte. Sehr viel wäre schon gewonnen, wenn man nur eine
größere Rechtssicherheit dadurch herbeiführte, daß man nicht bloß
in thesi, sondern effektiv, jedem praktischen Juristen die Mög-
lichkeit gäbe, das wirklich geltende Recht kennen zu lernen — eine
Möglichkeit, welche durchaus nicht für alle Länder deutscher Zunge
behauptet werden kann. R. Stintzing.

Krit. Zeitschrift für gefammte Rechtsw. ttl. Bd.

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