Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

Kuntze: Die Obligatio» und die Sirrgularsuecessio». 451
einen erzeugt wird, das kann nicht zugleich durch den Willen deS
andern bestimmt werden. Und fassen wir die Obligationen näher
in das Auge, worin besteht das angebliche Recht an der Handlung?
Der Gläubiger ist befugt eine Handlung seines Schuldners in das
Leben zu rufen, zu erzwingen; das ist der ganze Inhalt dieses
Rechts. Kennen wir irgend ein anderes Recht, gleichviel ob an
einer Sache oder an einem Menschen, dessen Inhalt darin, und
zwar ausschließlich darin bestände, die Existenz der Sache oder des
Menschen herbeizuführen? Wer also die Obligation als Recht an
einer Handlung, die Handlung als Objekt der Forderung definirt, der
muß zugebcn, daß zwischen dem Berechtigten und dem Rechtsobjekt hier
ein ganz anderes Verhältniß obwaltet als bei allen andern Rechten; und
was hilft es, die Obligation Recht an der Handlung taufen, wenn der
Ausdruck Recht hier nicht in gebräuchlicher Weise zu verstehen ist? Wie
schief die Definition ist, zeigt fich aber auch darin: so lange das Forde-
rungsrecht besteht, ist die Handlung das angebliche Rechtsobjekt, nichts
schon Vorhandenes, sondern etwas Zukünftiges; sobald aber daS Rechts-
object in die Wirtlichkeit tritt, geht daS Recht an demselben unter.
Noch eins: Die Definition der Obligation als eines Rechts an Hand-
lungen ist unvollständig, weil ans ihr die zum Wesen der Römischen
Obligation gehörige Unübertragbarkeit derselben sich nicht ergibt.
Ein Einwand, der freilich nichts vermag gegen Die, welche wie un-
ser Vers. daS Wort Handlung zu deuten wissen.
Aber, mag man einwerfen, jede Forderung ist ein Recht, jedes
Recht muß auf ein Object sich beziehn. Die Handlung soll das Object
dieses Rechts nicht sein, die dem Gläubiger zu gewährende Sache ist
sicher auch nicht das gesuchte Object; wo firrden wir ein Object un-
seres Rechts? In der Person des Schuldners. Die Obligation ist
ein Recht an der Person deS Schuldners. Wie jedes Recht ist auch
dieses eine Macht, dem Gläubiger ist eine gewisse Einwirkung auf
den Schuldner gestattet. Aber das ist gerade charakteristisch für dies
Verhältniß, daß es ein Recht an einer Person ist, daß dies Recht
Wtllcnsfähigkeit in dem Object voraussetzt, und die Willensfähigkeit
des ObjectS nicht verringert, wie dies bei den in das Familienrecht
gehörigen Rechten an Personen der Fall ist. Der Gläubiger kann
den Schuldner nur zum Handeln, d. h. zum Wollen zwingen. Daß
den Römern auch das erzwungene Wollen als Wollen galt, zeigt
schon das bekannte eoaetus tamen volui. Vielleicht findet sich an

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer