Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

318 Mohl: Geschichte und Literatur der Staatswiffenschasten.
Die deutsche theokratische Schule geht von einem vagen Chri-
stianismus aus und steht gleichfalls in den Wolken, wenn es sich
um die Formullrung praktischer Grundsätze handelt. Für uns ist
sie ein bloßes Ankämpfen gegen die Strömung des Jahrhunderts im
Namen der Religion. Aber welcher Religion ? Ist cs das Chri-
stenthum der ersten Jahrhunderte? Das Christenthum Lut her's
und Kalvins? Wir haben schon oben bemerkt, mit den christli-
chen Ideen kann man keinen Staat aufbaucn, höchstens das himm-
lische Jerusalem.
Bedeute,ider ist die historische Schule. Allen Richtungen, welche
diesen Namen tragen, ist Etwas gemeinsam, der Respekt vor der Tra-
dition, die Autorität Dessen, was eine Geschichte hat. Darin liegt
Wahres. Portalts hat gesagt, daß die Gesetze sich mit der Zeit
machen, aber man macht sie nicht. Dasselbe läßt sich von den Kon-
stitutionen sagen. Allerdings hat man sie schon in großer Anzahl
gemacht, aber nur die, welche ihre Wurzeln in den Sitten und den
Bedürfnissen der Nation haben, besitzen eine Zukunft. Der Respekt
vor der Tradition erzeugt noch ein weiteres Gefühl, welches die be-
deutendste Garantie sowol der Stabilität als des Fortschritts ist, die
Achtung des Rechts. Nur weil sie eine lange Existenz hat, verlangt
eine Institution, so fehlerhaft, so unzeitgemäß wir sie heutzutage
finden mögen, unsere Anerkennung, solange sie legal zu existiren
sortsährt. Ohne diese Achtung vor dem Rechte wäre die Gesellschaft
fortwährenden Revolutionen ausgesetzt. Der Erfolg würde allein
Autorität haben, und von diesem Stadium bis zur Herrschaft des
Stärkeren ist nur ein Schritt.
Diese günstige Seite der historischen Schule dominirt in Eng-
land. Dieses Gefühl macht die Stärke der englischen Gesellschaft
aus. Dieses Gefühl beherrscht die englischen Schriftsteller, mögen
sie sich den Neuerungen zugeneigt oder abgeneigt zeigen. In ihm
besteht der Vorzug Burke's vor der deutschen historischen Schule.
Wir begreifen das Ansehen nicht, in dem Haller in Deutschland
steht. Daß kleine Fürsten und alte Weiber ihm eine Art Kultus
weihen, ist nicht so wunderbar, aber einen Platz in der Wissenschaft
verdient er nicht. Oder kann man Wissenschaft nennen diesen Ga-
limathiaS, der vom Recht des Stärkeren ausgeht, den Staat läugnet,
und ihn zu einem Handwerk, zu einer Waare macht, der trotzdem
doch von Rechten spricht, welche den Heerden, Völker genannt, zu-

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