Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

Mohlr Geschichte und Literatur der StaatSwissenschaften. 315
schauen. Man darf nicht ein Stück G r o t i u s in der Geschichte des
allgemeinen Staatsrcchts, ein anderes in der Geschichte des Völker-
rechts geben.
Auch das gefällt uns nicht — man verzeihe unsere kritische
Laune — daß der Verfasser den Stoff nach Nationen geschieden hat.
Der Einfluß der Nationalitäten ist in der philosophischen Entwickelung
durchaus secundärer Natur. Was den Ton angiebt, ist die Strö-
mung der Ideen. Man trifft dieselben Systeme bei verschiedenen
Völkern. Der Despotismus tritt in England, Holland und Deutsch-
land auf. Gegen ihn raegirt der Contrat social, dieser will die
Freiheit retten. Würde nicht unser Verfasser besser gethan haben,
der Erzeugung und Abstammung der Ideen nachzugehen? Natürlich
hätte dabei der Einfluß der verschiedenen Nationalitäten auf die ver-
schiedene Formirung derselben Idee bei den Völkern auch sein Recht
bekommen können. Die verschiedenen Arbeiten bei den verschiedenen
Nationen hätten sich so gegenseitig erläutert. Vielleicht wäre eö bei
einer solchen Anordnung auch möglich gewesen, eine Reihe unbedeu-
tender Namen auszulasscn, das Ganze würde dadurch gewonnen haben.
Wie die Sache liegt, stehen oft Schriftsteller zusammen, die gar
nichts als das Vaterland mit einander gemein haben, so z. B. der
Civilist Huber und der Philosoph Spinoza.
Vielleicht ist cs auch Schuld dieses, wie wir meinen, fehler-
haften Planes, daß sich in der Darstellung der französischen Ent-
wickelung eine Lücke befindet. Von der philosophischen Bewegung
des 18. Jahrhunderts in ihren Beziehungen zu den Staatswissen-
schaften sagt der Verfasser nichts, und doch ist nach unserem Urtheil
dicß eine der schönsten Parthieen in der Entwickelungsgeschichte der
Menschheit. Auf der einen Seite das immer entschiedener werdende
Auftreten der Lehre vom ewigen Fortschritt und der menschlichen
Perfcctibilität, auf der anderen die, man möchte sagen, Religion der
Humanität, des Kosmopolitismus. Es ist unnothtg, den unge-
heuer» Einfluß dieser Philosophie auf die StaatSwiffenschaft weiter
zu schildern.
Montesquieu und Rousseau sind, so angesehen, einer der
interessantesten Gegenstände. Ersterer ist mehr Historiker als Philo-
soph. Er hat Lust und Liebe, ja Leidenschaft für die Geschichte.
Nichtsdestoweniger wird er von dem Strome seines Jahrhunderts
fortgeriffen. Humanität, Toleranz, Kosmopolitismus treten uns auf

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