Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

314 Mehl: Geschichte und Literatur der Staat-Wissenschaften.
Landsleute entgegengehalten, so z. B. der Geschichte der Philosophie
von Ritter. Unser Autor kann freilich für sich geltend machen, daß
es ihm an Raum gefehlt. Aber offen gestanden, hätten wir ihm
gern eine Masse literargeschichtlicher Einzelheiten über eine Reihe von
mit Recht vergessenen Schriftstellern geschenkt, wenn er dafür hätte
etwas ausführlicher von Plato und Aristoteles, von Montes-
quieu und Kant, von Hegel und Krause reden wollen.
Wir wollen versuchen, unsere Bemerkung zu rechtfertigen. Der
Verfasser sagt sehr richtig, daß P l a t o nur das griechische Leben idea-
lisirt. Aber worin besteht sein Ideal? was ist die neue Idee, was
ist der Fortschritt, den wir Plato verdanken? Dieselben Fragen
kehren bei A r i st o t e l e s, bei Cicero wieder. Vom völkerrechtlichen
Standpunkte aus haben wir in unserer Geschichte des Völkerrechts
darauf zu antworten versucht. Wir hätten gewünscht, daß unser
Schriftsteller von seinem allgemeineren Standpunkte dasselbe gethan.
Schon oben haben wir die Hauptmomentc für eine Geschichte
des Staats im Mittelalter angedcutet. Wie kommt es z. B., daß
die Zdee der christlichen Einheit dem Begriff deö Staates Platz
gemacht hat? Mohl führt diefi auf die Reformation zurück. Ich
glaube, die Reformation hat dem schon Bestehenden nur die Weihe
gegeben. Die Bewegung datirt von der Reactiou der Nationen gegen
das Pabstthum. Ein durchaus katholischer Staat, die älteste Tochter
der Kirche, Frankreich, ergreift die Initiative. Ein später canonisurcr
König erklärt, daß er die Krone nur von Gott habe. Dann kommt
der schreckliche Philipp der Schöne, gestützt auf seine Juristen. ES
würde eine dankbare Aufgabe sein, den Einfluß der Legisten auf
die Formtrung des StaatSbegriffcs nachzuweiscn. Die Ausbildung
der nationalen Unabhängigkeit geht dann in Deutschland, später
in England vor sich, so daß die Reformation überall den Boden
bereitet fand.
Auch in der neueren Aera müssen wir wieder unserem verehrten
Autor etwas anhängen. Es betrifft wieder seine monographische
Behandlung und ihre Folgen. Eine Geschichte ist wie das Leben
eines Individuums; die Monographien trennen und zerreißen diese
Einheit; die auseinandergelösten Glieder bilden nicht mehr das
Leben. Grotius ist gewiß eine sehr bedeutende Erscheinung in der
modernen Entwicklung, aber um ihu zu würdigen, muß ich ihn ganz
vor mir haben, seinen Ausgangspunkt und sein Ziel zugleich über-

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