Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

298 Mohl: Geschichte und Literatur der Staat-wissenschaften.
es gar nicht kannten. Die Griechen kannten nur e i n Recht, das des
Stärkeren. Auch die Römer hatten im Grunde kein anderes trotz
ihres pharisäischen Respects vor dem jus gentium. Formelkrämer im
öffentlichen Leben wie im Privatleben, wußten sie ihr Gewissen zu
beruhigen, sobald nur gewisse Formalitäten eingehaltcn waren. Man
sagt, daö Völkerrecht sei mit dem Christenthum entstanden. So viel
ist davon wahr, daß das Christenthum die Einheit des Menschenge-
schlechts, die Brüderschaft der Menschen lehrt, und die Anerkennung
der gemeinsamen Natur die Voraussetzung eines gemeinsamen Rechtes
ist. Das Völkerrecht wird daher durch das Christcnthum möglich,
aber zur Entstehung ist es erst gekommen, als die christliche Einheit
zerbrach. Ja man kann weiter gehen und sagen, daß eine wahre
Wissenschaft des Völkerrechts erst in der neueren Zeit sich ausbildet.
Den Namen Wissenschaft verdienen die hergebrachten Regeln über
das Verhältntß der Völker zu einander in Krieg und Frieden, solange
jede Kritik, jede rationelle Begründung fehlt, noch nicht. Das Völ-
kerrecht geht davon aus, daß die Staaten Glieder eines großen Gan-
zen sind, daß das Menschengeschlecht eine Mission hat, zu deren Er-
füllung jedes Volk milwirkt. Demgemäß haben die Nationen ge-
meinsame Rechte und Pflichten. Fragt man aber nach der Garantie
dieser Rechte, nach der Macht, diese Pflichten zu erzwingen, so kann
zwar die Wissenschaft ihre Gesetze nicht der Welt aufzwtngen, aber
sie selbst ist aus dem Fortschritt der allgemeinen Sittlichkeit und der
öffentlichen Meinung hervorgegangen und diese allgemeine Sitte herrscht
auch über Die, welche Tausende beherrschen. Allerdings hat die
öffentliche Moral manche politische Verbrechen nicht verhindern können,
aber sie ist erst in der Ausbildung, sie wird mächtiger in ihrem
Wachsthum, und am Ende allmächtig werden. Wer weiß, ob sie
nicht alsdann sich ein entsprechendes Organ schafft? Doch diese Fra-
gen gehören der Zukunft an.
Es ist unmöglich einen zusammenfaffcnden Blick auf die Arbei-
ten über Staatsrecht zu werfen. Jedes Land hat seine besondere
Literatur. Doch beherrschen jetzt im 19. Jahrhundert seit der Be-
wegung der Geister, zu der die französische Revolution den Anstoß
gegeben, gewisse allgemeine Ideen die nationalen Eigenthümlichkeitcn.
Wenn man diesen Zustand mit der alten Welt vergleicht, wird die
Tendenz zur Einigung und Einheit, von der wir so oft reden, sonnen-
klar werden. Die Anhänger des Vergangenen haben die ängstliche

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer