Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

294 Mehl: Geschichte und Literatur der Staatswissenfchaften.
bei dem fehlenden Rechtsgefühl sieht sich die Nation den Unterneh-
mungen der Gewalt preisgegeben oder vielmehr sie ruft sie selbst hervor
und klatscht ihnen Beifall!
Auf der andern Seite dürfen wir nicht vergessen, daß die Freiheit,
die wir genießen, der heroischen Initiative Frankreichs verdankt wird.
Diese Kraft der Initiative hat daö Land wie kein anderes. Man
vergleiche nur die Revolutionen von 1088 und 1789! Leider hat
Frankreich selbst bis heute von dem Blute, welches cs für die Freiheit
vergossen, wenig Nutzen gehabt, wir Andern müssen ihm daher für
sein Martyrium um so dankbarer sein.
Nichtsdestoweniger hat Frankreich einen würdigen Platz in der
politischen Literatur anzusprechcn, und wir wüßten Dem, was der
Verfasser darüber sagt, Nichts hinzuzusehen. Nur hätte er, meinen
wir, auch der großartigen Reden (Erwähnung thun sollen, die von
1789 bis 1848 in den verschiedenen constituirenden und anderen
Versammlungen gehalten worden sind. Kein anderes Volk hat Aehn-
liches aufzuweisen.
Wir haben kaum denMuth, in der Würdigung der deutschen
politischen Wissenschaft unserem Führer zu folgen. Sein Patriotismus
macht ihn nicht blind gegen die deutschen Schwächen. Es wäre Grau-
samkeit, dieses offene Bekenntniß weiter auszuführen, in die Wunden zu
greisen, die noch bluten! Wir Andern haben es leicht, das Dunkle
und Zerfahrene in den deutschen Büchern zu tadeln. Aber wir haben
nicht das Recht dazu, denn wenn wir etwas Rechtes lernen wollen,
greifen wir doch zur deutschen Wissenschaft. Außerdem beruhen die
Fehler, welche der Verfasser seinen Landsleuten vorwirft, auf Ursachen,
die von ihrem Willen unabhängig sind. Die Deutschen haben kein
politisches Leben, sie haben kaum ein Vaterland. Sie leben nur in
den Büchern und dieß ist nur der Schatten des Lebens. Am Schreib-
tisch bilden sich keine Staatsmänner. Aus dem Staub der Archive
erstehen gelehrte Geschichten, aber keine lebendige Geschichte Dazu
bedarf es der reinen Lust der Freiheit. Man darf sich deshalb nicht
wundern, wenn die literarischen Reichthümer Deutschlands nur zu oft
den Schätzen gleichen, die man in Gräbern findet. Den Lebenden
nützt diese Fülle nichts, für sie ist sie nicht bestimmt. Wozu haben
alle die vielen philosophischen Theoriecn über den Staat anders ge-
dient, als um die Geister einzuwiegen und cinzuschläfern? Wozu
anders die ganze Wissenschaft der Vergangenheit, als um die Gegen-

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