Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

Mshl: Geschichte und Literatur der StaatSwisscnschaften. 293
des Privatrechts, für das öffentliche Recht Nichts geleistet? Die
Republik war nur ein langwähreuder Kampf zwischen den Gesell-
schaftsklassen um die Gleichheit. Diese ward errungen, aber auf
Kosten der Freiheit. Die Gleichheit der Römer unter den Kaisern
war die Gleichheit der Sklaverei Aller unter dem Despotismus eines
Einzigen. Auf einem solchen Boden konnte keine Wissenschaft
erblühen.
Man begreift leichter, weshalb das Mittelalter keine politische
Literatur hat. Ihm fehlen eben Nationen und Staaten. Indessen
beherrscht doch eine politische Idee diese Zeit, es ist die doppelte
Universalmonarchie unter Papst und Kaiser. Diese Idee hat für
große Geister Verlockendes gehabt. Ein Dante, ein Leibnitz haben
sie vertheidigt. Freilich wäre eine Universalmonarchie das Grab der
Menschheit, aber zeigt sich nicht in diesen Bestrebungen das instinctive
Hindrängcn zur Einheit?
Unter den modernen Völkern weist der Verfasser für das Gebiet
der Staatswisscnscbaftcn England den ersten Platz an. Sein Urtheil
über die englische Literatur unterschreiben wir ganz. Politische Freiheit
und Wissenschaft haben dort ibrcn Anfang genommen. Zwar fehlt
den Engländern der philosophische Geist, aber auf politischem Gebiet
hat die Theorie nicht die große Bedeutung, welche auch der Verfasser
ihr zuzuschreiben scheint. Die Wissenschaft muß ein Element des
Lebens sein, oder sie ist nichts als ein Spielzeug für große Kinder.
Und im Leben sind alle Tbeoricn vom Staat von sehr geringem
Einfluß. Man vergleiche England und Deutschland, und man kann
sehen, was die Systeme werth sind. Das politische Leben muß die
Wissenschaft erzeugen, nicht diese jenes. Fern sei cs von uns, die
Wissenschaft herabzusctzen — sind wir doch selbst Bücherschreibcr von
Handwerk — aber daS Leben ist doch die Hauptsache. Das Ideal
wird die Einheit von Leben und Wissenschaft sein.
Frankreich läßt der Verfasser alle Gerechtigkeit widerfahren, ohne
einen gegründeten Tadel zu unterdrücken. Er hätte selbst noch stärker
die fieberhafte Beweglichkeit unserer südlichen Nachbarn, ihre Verach-
tung aller traditionellen Autorität, oder um es gerade herauszusagen,
ibrcn Mangel an Rechts- und Pflichtgefühl hervorbeben dürfen. Es
ist beinahe unmöglich, daß Frankreich eine politische Wissenschaft
habe. Die Verfassungen stürzen zusammen, ehe die Wissenschaft Zeit
gewinnt, sie zu studiren. Dieß wäre noch das geringere Uebel, aber

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