Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

292 Mohl: Geschtcht« und Litcratur der SiaatSwissenschaftcn.
idealen Ziel, das sich innerhalb der Grenzen menschlicher Unvollkom-
menheit verwirklichen wird. Zwar giebt cs Momente der Zögerung,
des Rückschlages. Glänzende Civilisationen gehen unter, es wird
Nacht, die Welt scheint am Ende zu sein, und man fühlt sich ver-
sucht, mit dem Weisen des Alterthums auszurufen, daß Alles eitel
ist in den Schicksalen der Menschen. Aber leugnen wir nicht hastig
die Vorsehung Gottes. Seine Hand ist auch in diesen Zer-
trümmerungen. Wenn eine alte Welt abzusterben scheint, geschieht
es, weil ein neues Prinzip, das ihr fremd war, zum Durchbruch
kommt. Es wird wieder hell und zwar von jungem strahlenderem
Lichte. Die Sonne ist nicht stillgestandcn, sic war nur um-
wölkt. Der Fortschritt ist unaufhaltsam, wenn er auch nicht
regelmäßig ist.
Wir haben diesen Gesichtspunkt hervorgchoben, weil der Ver-
fasser ihm zu wenig Bedeutung einznräumcn scheint. Wir können
uns weder die Geschichte der Staatswissenschaft noch überhaupt eine
Geschichte denken, ohne diese Grundidee. Zeigt man uns nicht das
Band, welches Vergangenheit und Gegenwart verknüpft, weist man
nicht auf das Ziel hin, dem alle vereinzelten und scheinbar sick-
widersprechenden Erscheinungen zustrebcn, so ist die Geschichte für
uns nur ein Chaos, ein Räthsel, im besten Fall ein bloßes
Raritätencabinet.
Das Kapitel „von den Ursachen der verschiedenen
nationalen Ausbildung der Staatswissenschaften" ist
eine der interessantesten Partien des Buches. Der Einfluß der Natio-
nalitäten auf die Ausbildung der Wissenschaften ist unbestritten und
nothwendig, da die Wissenschaft der Ausdruck des socialen Lebens ist.
Der Verfasser fragt, weshalb die Griechen und Römer keine
politische Literatur gehabt? Uns scheint der wahre Grund davon
der zu sein, daß Griechenland sowol wie Rom Staaten im Kindcö-
alter waren. Die traditionelle Bewunderung der antiken Staaten,
welche unsere Jugenderziehung weckt, beruht auf Illusionen. Im
Grunde herrschte damals die Gewalt, sowol im Verkehr von Staat
zu Staat, als im Innern der Staaten. Wo die Gewalt herrscht,
da giebt es kein Recht, keine Wissenschaft. Die Römer, sagt man,
hatten keinen wissenschaftlichen Beruf. Allerdings fehlte ihnen die
Anlage für schöne Literatur und Philosophie, aber waren sie nicht
das Rechtsvolk pur excellence? Weshalb haben sie, die Meister

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