Full text: Kritische Zeitschrift für die gesammte Rechtswissenschaft (Bd. 3 (1856))

Seffl: Erlaubte ungeruf. Eingreif. in fremde VermSgen-angelegenhettert.' 157
und daß ihm das Verdienst gebühre, das Wesen dieser Lehre zum
ersten Male richtig erkannt zu haben. „Die heut zu Tage herrschende
Unselbstständigkeit in der dogmatischen Behandlung unserer Römischen
Rechtsinstitute", sagt er, „macht es, daß dieses Ding für unsere Wis-
senschaft als ein gänzlich unbekanntes Etwas dasteht. Ja, nicht
einmal einen technischen Namen hat man für diesen ungetauften klei-
nen Bürger des Rechtsgebietes bisher zu suchen das Bedürfniß ge-
fühlt. Vielleicht empföhle sich (wenn ich den Act der Taufe hier-
mit in Vorschlag bringen darf) im Gegensatz der Willenseinigungen
(Verträge) der der Willensgemeinschaft."
Wir müßten, — so gern wir bereit sind, Jedermann Gerechtig-
keit widerfahren zu lassen, — dem Verfasser das von ihm prätendirte
Verdienst von vorn herein absprechen, wenn wir auch Nichts weiter
alS die Ueberschrift seiner Abhandlung gelesen hätten. Die Be-
zeichnung: „das erlaubte ungerufene Eingreifen in fremde
Vermögensangelegenhetten" beweist deutlich, daß er über
das Wesen der Negotiorum gestio in der größten Dunkelheit versirt.
Denn eS handelt sich bei diesem Rcchtsinstitutc nicht um die Frage:
Wann eS erlaubt, sondern um die Frage: Wann cS wünschens-
werth ist, in fremde Angelegenheiten einzugreifen. Diese gänzlich
schiefe Grundanschauung der Lehre beruht unserer Meinung nach auf
mangelhaften „Naturstudien" und auf oberflächlicher Behandlung der
Quellen. Der Verfasser hat den einzig richtigen Weg, um die wahre
Bedeutung dieses Rechtsinstituts zu erkennen, verfehlt, und die Natur
da studirt, wo sic nicht war. Mit den Worten: „aequitas“ und
„naturalis ratio- ist Nichts gewonnen. Er hätte sich, um auf die
richtige Spur zu kommen, recht lebendig einen gesellschaftlichen Zu-
stand denken müssen, in welchem dic actio negotiorum gestorum
contraria nicht eristirt und sich dann ein möglichst klares Bild von
den daraus nothwendig folgenden Calamitäten entwerfen müssen. Die
Ealamität besteht darin, daß Niemand sich ungerufen um die Angelegen-
heiten Anderer bekümmert, weil er keine Klage auf Ersatz der Jmpensen
hat. Die act. n. g. contraria hatte also unzweifelhaft den Zweck, durch
Begründung deö nöthigen Credits die Leute zu veranlassen, sich
ungerufen der Angelegenheiten Anderer anzunehmen, welche behindert
wären, selbst oder durch Bestellung eines Stellvertreters dafür zu sorgen.
Wir wollen eS dem Verfasser nicht zum Vorwurf machen, daß er mit
seinen Naturstudien unglücklich gewesen; denn solche Studien, wenn

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