Full text: Kritische Zeitschrift für die gesammte Rechtswissenschaft (Bd. 3 (1856))

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Bodemeyer: Die Zahlen des Nöm. Recht-.

ist ganz unzweifelhaft und ein Blick in die Arbeit des Verf.'s liefert
den Beweis, daß bei keiner einzigen Zahl ihre verschiedenen An-
wendungen aus einem Gesichtspunkte erklärt werden können.
Denn es handelt sich hier nicht um ein geschlossenes Zahlensystem,
in welchem jede Ziffer ihre symbolische oder arithmetische Bedeutung
feststehend behauptet, sondern es ist darum zu thun, mannigfaltige
geschichtliche Erscheinungen in ihrer Verbindung und Genesis mit
Hülse des einen Merkmals, der Zahl, tiefer zu erfassen. Und ein
solches Verständniß ist nur dadurch möglich, daß man die mannig-
faltigen Erscheinungen einer Zahl in verwandten Gruppen zusam-
menstellt und bei jeder Gruppe nach ihrem besonder« Erklärungsgrund
sucht. Mit allgemeinen Charaktcrprädikaten, wie sie uns der Verf.
bietet, kann immer nur eine Seite getroffen sein; sie werden zu
einer verwirrenden Unwahrheit, wenn man sie als allgemeingiltige
an die Spitze stellt.
Ein anderer Nachtheil solcher Prädicate besteht darin, daß sich
der Verf. durch ihre Aufstellung ein willkürliches Problem schafft,
dessen Losung die Unbefangenheit seiner Forschung beeinträchtigt. So
bezeichnet z. B. der Verf. die Dreizahl als die p a t r i c i s ch c Zahl, und
er ist natürlicher Weise bemüht, die verschiedenen Erscheinungen der-
selben diesem Gesichtspunkte unterzuordnen. Es kann nicht fehlen,
daß dabei Manches gebrochen wird, waS nicht biegen will, wenn
wir gleich zu Ehren des Verf. anerkennen müssen, daß er sein Prä-
dicat für die Mehrzahl der Fälle lieber aufgibt, statt es zwangsweise
zu rechtfertigen. Allein wozu stellt sich der Verf. überhaupt die Auf-
gabe der Rechtsertiguug und was hätten wir gewonnen, wenn sie ihm
gelungen wäre? Wir können uns bei dem Satze: „die Dreizahl ist
patricisch", doch nichts Anderes denken, als daß sie zu dem Patriciat
in einer gewissen Beziehung steht — unv wir wollen dies für einen
Theil ihrer Erscheinungsformen gerne zngcben. Allein was ist denn
damit weiter ausgesagt als die einfache Thatsache, daß wir der Drei-
zahl sehr oft in der alten StaatSvcrfassung und im ältesten Reli-
gionswefen begegnen? Hier aber beginnt eigentlich erst die Frage,
welche zu beantworten wäre: warum herrscht hier die Dreizahl vor ?
— Der Verf. aber, mit der Rechtfertigung seines Prädicats beschäf-
tigt, wirft sich dieselbe gar nicht einmal auf. Und doch war er so-
wohl durch Dasjenige, was er zur Begründung seiner Ansicht anführt,
als durch Dasjenige, was er sich selbst dagegen cinwendet, darauf

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