Full text: Volume (Bd. 3 (1856))

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Köstlin: System des deutschen Strafrechts.

Untersuchung oder Anstellung der Klage und für das Wegfallen der
bereits zuerkannt gewesenen Strafe, also sowohl für die s. g. Crimi-
nalverjährung als für die Strafverjährung. K. gebraucht aber den
Ausdruck „Criminalverjährung" nicht, denn „durch die Anerkennung
der Verjährung wird keineswegs erklärt, daß die fragliche Handlung
kein Verbrechen sei oder ein solches zu sein anfgehvrt habe." Er
hat nur eine Verjährung, die in dem System als Verjährung
der Strafe auftritt, unter der Rubrik „die Strafe und ihre Surro-
gate." Nachdem im §. 126 der „Tod des Verbrechers" als AuS-
fchließungsgrund der Strafe behandelt ist, beginnt der §. 127: „Aber
auch bet Lebzeiten des Verbrechers wird die Strafe ausgeschlossen
durch die Verjährung" und die rechtliche Begründung dieser soll
darin liegen, daß „die unendliche Macht der Zeit theils das Anden-
ken der That oder wenigstens ihre verletzende Eigenschaft aus dem
allgemeinen Rechtsbewußtsein tilgt, theils die Wiedcraufhebung des
verbrecherischen Willens im Innern des Thäters mit sich führen kann,
bei Vereinigung beider Voraussetzungen aber der Zweck der Strafe
nach seinen beiden Seiten (objective Gcnugtbnung für das im Ge-
setze ausgesprochene allgemeine Rechtsbewnßlsein und Wiederher-
stellung des Willens des Thäters zur Einheit mit dem vernünftigen
Allgemeinwillen) sich von selbst aufhebt." Eine anscheinend kleine,
aber doch nicht unwichtige Abweichung von der in der neuen Revi-
sion gegebenen Deduktion besteht darin, daß in dieser gesagt ist: „tiU
gen — kann", nicht „tilgt", was eine größere Sicherheit verräth.
Das diplomatische „oder wenigstens" findet sich aber sowohl in der
Revision als im System.
Gegen den Vorwurf, als werde er auf seinem Standpunkt der
absoluten Theorie, speziell der Hcgel'schcn absoluten Giltigkeit des
Rechts, inconsequent durch Anerkennung der Verjährung, verwahrt sich
K. mit den Worten: „Wenn die Strafe aber nur als die Folge
der Nichtigkeit des Unrechts an sich dcducirt wird, so ist damit eine
andere Weise der Manifestation dieser Nichtigkeit, wodurch die Strafe
entbehrlich wird, nicht ausgeschlossen." Also:
1) Durch die Anerkennung der Verjährung wird keineswegs
erklärt, daß die fragliche Handlung kein Verbrechen sei oder ein sol-
ches zu sein aufgehört habe.
2) Also daö Verbrechen existirt auch nach langer Zeit und ist,
wie das Unrecht in allm seinen Formen, daö an sich Nichtige.

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