Full text: Volume (Bd. 5 (1859))

Der WIndschcid-Muther'sche Streit.

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sein einer Nation hat nothwendig auch in ihrem Recht den adäqua-
ten Ausdruck und umgekehrt. Wenn wir daher das moderne deutsche
Rechtsdewußtscin erkennen wollen, so müssen wir unser deutsches
Recht erkennen, das zwar aus einheimischen und fremden namentlich
römischen Elementen zusammengesetzt ist, die gegenseitig mannichfach
auf einander eingcwirkt haben, die aber in der Form wie sie nun
einmal rczipirt sind, auch unfern Bedürfnissen vollständig entsprechen.
Und da besonders das römische Recht seine heutige Gestalt im We-
sentlichen durch die Wissenschaft erhalten hat, so werden consequenter
Weise auch die Lehren älterer Juristen, wie Savigny und Mühlen-
bruch, für unantastbar erklärt; es wird ausdrücklich ein Vorwurf
daraus gemacht, diesen Männern „einen Mangel an Einsicht zuzu-
trauen, der zu einer Verfälschung des heutigen Rechtsvewußtseins
führen konnte." — Was Windscheid und seine „Gesinnungsge-
nossen" für nationales Rechtsdewußtscin ansgeben, ist nichts als ein
subjectiveö Pbantasiegebilde, als „eine Ausgeburt moderner Aftcrpht-
losophie" über deren abstrakten Sätzen und dürren Idealen daö
schöne concrete Leben mit seiner Mannigfaltigkeit verloren geht. Es
gilt die von Wind sch cid mißhandelte „arme actio" von dem er-
tödtenden Hauch der „höheren Jurisprudenz" zu erretten.
Bemcrkcnswertbcr jedoch als diese schon oft, wenn auch nicht
immer mit solcher Entschiedenheit geltend gemachte Tendenz der streng
historischen Schule, ist die Art, in welcher M u t h e r von seiner ent-
gegengesetzten Ansicht ans gegen Windscheid verfährt. Während
man in einer wissenschaftlichen Polemik erwartet, daß die innere Un-
haltbarkeit des bekämpften Systems mit Gründen dargethan werde,
empfängt man hier den Eindruck, als käme es nur darauf an, den
wirklichen Sinn der Windscheid'schen Ausführungen aufznbecken,
um ihre Verwerflichkeit mehr als hinreichend ins Klare zu setzen.
Mit aller Sclbstgewißhcit einer durch Tradition und Gewohnheit sich
geheiligt glaubenden Lehre, die in jedem Andersdenkenden sofort fri-
vole leichtfertige Ncuerungssucht erblickt, begnügt sich Mut her nicht
selten, Windscheid's gewichtigsten Behauptungen mit etngestrcuten
Ausrufungs- und Fragezeichen wörtlich zu rcferiren, um schließlich
den Lesern zu überlassen, „sich selbst ihre Glossen dazu zu machen",
— eine Selbstgewrßhcit, die übrigens auch an den Stellen, wo mit
Gründen argumentirt wird, meistens ein nothwendiges Supplement
bildet. Und, wie es natürlich ist, wenn man einen Gegner zu ha-

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