Full text: Volume (Bd. 5 (1859))

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Brtnz: Lehrbuch der Pandekten.

Rechtsgebietes erhalten und auf ein bestimmtes Subjekt bezogen wird,
der Besitz als dasjenige Willensverhältniß entspricht, wodurch das
Subjekt sich in dauernden natürlichen Herrschaftsbczug zur Sache
setzt. Dieser Herrschaftsbezug ist ein innerlicher, psychischer,
obschon er den natürlichen Bestand des Besitzobjektes betrifft. Ich
will dies noch näher bestimmen, soweit dies ohne genauere psycholo-
gische Auseinandersetzungen*'! hier in Kürze möglich ist. — Der
Wille welcher sich nach Außen (auf die Umgebung des Subjektes)
geltend macht und von juristischer Relevanz ist, ist als eine dauernde
Versetzung und Versenkung der Persönlichkeit in das Willrnsobjekt
zu denken: das Subjekt lebt sich in das Objekt hinein, äußert sich
auf dasselbe, verhält sich zu ihm geistig einwirkend, es erfährt in die-
sem energischen Bezüge die Persönlichkeit eine Erweiterung. Indem
wir hiernach solchen Wisten als Energie fassen, schließen wir alle
ähnlichen Phänomene, wie den unbestimmten Wunsch, eine bloße
Laune, einen augenblicklichen Einfall, jede unklare und unvernünftige
Vorstellung aus: keines dieser Phänomene ist geeignet, psychische
Unterlage eines (juristischen) Bcsitzverhältniffcs zu sein. Wir ver-
legen hiermit das Besitzkriterium auö der Beschaffenheit der äußeren
Situation in die innere Existenz und Berechtigung des Willens, so
daß die äußere Situation nur eine sekundäre Rolle spielt, und können
den Besitz als den Willen dauernder physischer Sachbeherrschung
oder als die energische Ftrirung des persönlichen Beherrschungswillens
auf eine Sache definiren; dieser Wille aber muß ein ächter Wille
(Energie) sein, und daher ist, Besitz überall da, höchstens scheinbar,
nie wirklich vorhanden, wo entweder jener Wille nicht da ist,
oder (wie sich binznfügen läßt) wo er nicht da sein kann. Frei-
lich ist es eine Unbehülflichkeit unseres Denkens, daß wir Unmög-
lichkeit uud Unwirklichkeit als zwei Klaffen hier nebencinandcrstelleu,
und ich thue es um Anderer, nicht um unseretwillen: was ich aus-
drücklich zu berücksichtigen bitte.
Ich sage also: nur ein wirklicher, und nur ein an sich
möglicher und vernünftiger Herr sch astöwille bildet

*) Es gebricht unserer Jurisprudenz überhaupt noch an aller erakten psycholo-
gischen Fundtrung der (juristischen) WillenSbczügc, obschon hierzu in Herbarts
Psychologie (welche ich für den bedeutendsten Thctl seiner Arbeiten überhaupt
halte) neue Anregungen gegeben sind. ES gehört dies in das Eapttel des
Leist'scheu Naturstudiums!

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