Full text: Volume (Bd. 5 (1859))

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Brinz: Lehrbuch der Pandekten.

an, wie der Mensch mitnichten bloße Rechtsperson ist. Unsere Anf-
faffung der Ehre ist diese: der kreatürliche Bestand des Menschen
(an Körper, Seele, Geist) bildet den Naturgrund der Individualität
(oder der Persönlichkeit im natürlichen Sinne); zu diesem ursprüng-
lichen Bestand aber gesellt fick ein Potenzirungselement hinzu, welches
aus dem weltökonomischen und gesellschaftlichen Berufe des Indi-
viduums (als Mann oder Weib, als Bürger im Gegensatz des Bar-
baren oder Sklaven, als diesen oder jenen Sonberberuf verfolgend)
entspringend der Gestalt des Individuums spezifische Färbung ver-
leibt, der Werth des Berufes oder Standes für den Welt- und Ge-
sellschaftsplan spiegelt sich in denjenigen Individualitäten wider, welche
sich diesem Berufe gewidmet hingegeben haben. Hiernach ist Ehre
der Berufswcrth (dignitas) deS Individuums, es ist die Ehre ein
Bestandthcil der (im Berufe) vollendeten Individualität; als solcher
kann sie in asten Gebieten Bedeutung gewinnen, in denen die mensch-
liche Individualität überhaupt von Bedeutung ist: im ästhetischen, juri-
stischen, intellektuellen und sittlich-religiösen Gebiete; ferner ist ein
Angriff auf die körperliche Freiheit, eine Berlehung der individuellen,
persönlichen Integrität, und Schmälerung der Ehre ist Deprimirung
der Persönlichkeit (meinetwegen Beschränkung der Persönlichkeitspoten-
zirung). Durchaus verwerflich aber ist die juristische Sette der Ehre
aus ihrer moralischen Seite erklären zu wollen*); wie immer, so ist
auch hier das Juristische nur juristisch zu erklären. Bet den Römern
war die Idee des Berufes und des Standes nur schwach entwickelt,
und darum haben sie es auch nicht zu einer klaren Gestaltung des
Institutes der Ehre gebracht; sie kannten im Wesentlichen nur Eine
Ehre: die des Römers, welcher sich in Kontrast mit dem Bar-
barenthum, mit allen gentes setzte, und in sich den Weltberuf, Herr-
schervolk zu sein, erkannte; was mit diesem Berufe sich nicht vertrug,
beeinträchtigte die dignitas des Individuums. Auch hier also finden
wir die Berufseite, nicht etwa das korporative (staatliche) Element,
betont.
§. 8. Ueber die Rechts- und Handlungsfähigkeit der

*) Die Ehre ist weit.entfernt an sich eine sittliche Potenz zu sein, sie soll
sittlich durchdrungen und verklärt werden, aber sic kann selbst sich an die Stelle
der Moral sehen, indem sic, wo moralische Martmen herrschen sollten, mit dem
EuktuS der natürlichen Ehre abfindet.

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