Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

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wct, daß die logischen und dialektischen Vorzüge eines Gutachtens
ein erhebliches Hülfsmittel bei seiner materiellen Würdigung sind,
so scheint er uns damit einem allgemeinen Erfahrungssatze ent-
gegenzutreten. Richtig und gut vertheidigt ist dagegen die Ansicht,
daß kein Arzt zu einem kategorischen Urtheil in seinem Gutachten
gezwungen werden könne. Wer eidlich gelobt, nach fester Ucber-
zeugung zu sprechen, muß, wo jene ihn nur zum Zweifel führt,
das Recht haben, wie er die Pflicht hat, eben nur diese Ungewiß-
heit Denen vorzulegen, deren Urtheil er zu unterstützen berufen
ist. Freilich wird, was Jdeler zu verkennen scheint, in vielen
Fällen das Resultat eines solchen Gutachtens kein anderes sein,
als wenn die Zurechnungsfähigkeit wirklich vom Sachverstän-
digen gcläugnet wurde und aus ganz natürlichen Gründen.
Daß überhaupt Sachverständige über die Zurechnungsfähigkeit ge-
hört werden, beruht auf Zweifeln der Laien, der Juristen, die es
in der Untersuchung mit dem Angeschuldigten zu thun haben; sonst
fragt man keine Acrzte. Sind diese nun nicht im Stande, die
Zweifel nach der Seite der Zurechnungsfähigkeit zu zerstreuen,
mehren sie unsere unwissenschaftliche durch ihre wissenschaftliche
Ungewißheit, so wird nach dem der Menschennatur inwohnenden In
dubiis pro reo in fast allen Fällen von Richtern wie Gcschwornen
wegen Unzurechnungsfähigkeit losgesprochen werden. Aber schreien-
des Unrecht ist es jedenfalls den Arzt zu zwingen, sich da für die
mangelnde Zurechnungsfähigkeit auszusprechen, wo er sich von ihrer
Abwesenheit nicht wirklich wissenschaftlich überzeugt fühlt. Wenn,
wie Jdeler andeutet, Richter in solchen Fällen die Ungewißheit
des Arztes für Unwissenheit genommen haben, so hatten sie große
Ursache zunächst vor der eignen Thür zu fegen.
Sehr verdienstvoll ist ein Aufsatz von Appell.-Rath Kräwell,
„über die französischen Elemente im Preußischen Strafgesetzbuch".
Mit schlagenden Gründen wird die Verkehrtheit der Dreitheilung
in ihrer Anwendung auf die Strafen nachgewiesen und in einer
Reihe von Fällen hervorgehoben, zu welchen Sprüngen man darnach
bet den zu erkennenden Strafen kommt, während die Vergehen fast
unmerklich in einander übergehen. So ist z. B. der fahrlässige
Meineid höchstens mit Gefängniß von 1 Jahr bedroht und das
niedrigste Strafmaaß für die Fälle des Meineids aus Vorsatz

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