Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

Leist, über die dogmatische Analyse römischer Rechtsinstitute. 437
Wissenschaft beherrschenden Einfluß des römischen Rechtes seinen
Grund. Gerade das römische Recht verdankt zwar seine hohe Aus-
bildung viel weniger den Vorzügen seiner Gesetzgebung, als den
wissenschaftlichen Bearbeitungen der römischen Juristen, die wesent-
lich aus solchen Deductionen aus der Natur der Sache beruhen,
aber der Umstand, daß die ganze römische Jurisprudenz der klas-
sischen Zeit ihren Resultaten nach in die justinianischen Gesetzbücher
mit ausgenommen war und so in der Form von positiven Rechts-
normen uns überliefert wurde, gewöhnte unsere Juristen sehr bald
daran, Grundsätze, die sie eben so gut wie die römischen Juristen
aus der Natur der Verhältnisse hätten ablcitcn können, aus den
römischen Gesetzbüchern zu schöpfen, wo sich allerdings die allge-
meinen Grundbegriffe des bürgerlichen Verkehrs mit der bewunde-
rungswürdigsten Schärfe und Eonsequcnz entwickelt fanden. Dies
führte denn dahin, daß unsere Juristen, wie sie bei dem Studium
des römischen Rechts sich begnügt hatten, nur die Aussprüche der
Gesetze zu sammeln, logisch und historisch zu erläutern, und dann
systematisch zu ordnen, nun auch bei dem einheimischen Recht den-
selben Weg einschlugen. Da cs hier indessen an allgemeinen Gesetzen
fehlte, setzten sic an die Stelle derselben ein angeblich sehr um-
fassendes Gewohnheitsrecht, von dem sie zwar anerkannten, daß es
nicht immer in präcisirtcn Normen ausgeprägt sei, durch welches
doch gewisse allgemeine Nechtsgrundsätze zur Geltung gekommen sein
sollten, von denen man annahm, daß sie die einzelnen, in oft sehr
verschiedenen Formen auseinander gehenden Rechtsinstitute, als lei-
tende Ideen beherrschten. Dies ist der Grundgedanke aller Anhänger
der historischen Methode unter den Germanisten, obschon sic darin
von einander abweichen, daß sie das, was sie als Ersatz oder Er-
gänzung der ausdrücklichen Gesetzgebung ansehen, bald einfach Ge-
wohnheitsrecht, bald Volksrecht oder Jurisienrecht nennen. So
vorthcilhast in anderer Beziehung die historische Rcchtsschule auf
die Erfrischung des Rechtsstudiums einwirkte, müssen wir in dieser
Auffassungswcise doch immer noch das Fortleben jenes durch die
altern Romanisten verbreiteten Jrrthums über das Verhältniß der
Gesetzgebung zu der bestehenden bürgerlichen Ordnung wiedcrcrken-
nen. Auch unser Vers, hat sich davon nicht frei zu machen gewußt,
obschon er wieder einen Schritt vorwärts gcthan und in seiner
Krit. Zeitschrift für gelammte Recklsw. II. Bd. 29

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