Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

428 Leist, über die dogmatische Analyse römischer Rechtsinstitute.
daß er erkannt habe, warum z. B. Kierulff seiner philosophi-
schen Richtung nach nicht ebenfalls die analytische Methode in
Anwendung bringen konnte, vielmehr der progressiv dogmatischen
Methode gemäß unser heutiges geltendes Recht selbständig aus
seinen Prinzipien zu construiren versuchte (S. 8). Was wir aber
eigentlich bet dem Vers, vermissen, ist eine strengere Durchführung
der analytischen Methode bis an das Gebiet der Philo-
sophie. Wir suchten und erwarteten in seiner Schrift keine Auf-
klärung über die Natur und den Ursprung der Rcchtsideen in un-
serm Geiste, aber etwas ganz anderes ist die Anerkennung der
Thatsache, daß in nnserm Innern rechtliche Neberzengungen
leben, die allen Menschen gemeinschaftlich sind, und die Benutzung
dieser Thatsache für die Ausbildung seiner Theorie. Oder ist der
Vcrf. der Meinung, daß die Idee der Gerechtigkeit, die sich in
dem ungetrübten rechtlichen Gefühle eines jeden Menschen schon in
den Sprüchen des Gewissens kund gibt, lediglich in das Gebiet
der Moral falle? Fast könnte man das vermuthen, wenn man
S. 70 einen Tadel darüber ausgesprochen findet, daß eö neuerlich
versucht worden sei, den Werth des Rechts als solchen nach seinem
sittlichen Gehalte zu messen; aus dem, was er selbst (S. 69 fi.)
über die Scheidung von Recht und Sittlichkeit bemerkt, folgt dies
indessen nicht; denn wenn man auch annehmen wollte (wogegen
wir uns freilich sehr verwahren müssen), das Recht enthalte nur
„den Complex der gröbsten Befugnisse und Verpflichtungen, die
die Menschen unter einander verbinden", das Sittengesetz aber
„die feiner« Regeln, die der menschliche Geist über die Lebensver-
hältntsse mit stärkerer Betonung der Innerlichkeit und ohne die
äußere Strenge des Rechts setzt", so wäre doch gar nicht abzusehen,
warum unser Gewissen seine Aussprüche nur in Beziehung auf die
feinem Regeln für die Lebensverhältnisse der Menschen geltend
machen sollte, und nicht auch für die „gröbsten Befugnisse und
Verpflichtungen". Die einfachen Sätze des Rechts, der Achtung
der persönlichen Würde der Menschen und der vertheilcnden und
vergeltenden Gerechtigkeit, die hier in Frage kommen, find ihrem
Bestand und ihrer Geltung nach viel weniger ein Gegenstand des
Haders, als der Verfasser zu meinen scheint; vornehmlich nur ihre
philosophische Rechtfertigung und die Bestimmung ihres Zusammen-

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