Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

202 Damerow, Seftloge. Eine WahnsiunSstudie.
und, was die bedeutendste Folge dieses Satzes ist — schon in der
Voruntersuchung bricht das Verfahren ab. Die weitere Erwägung
durch den entscheidenden Richter, resp. Geschwornen, ob der Thäter
schuldig, d. h. namentlich auch mit Willensfreiheit gehandelt, wird
unnöthig. Die Bejahung der Frage: War der Thäter wahnsinnig?
(nicht, war die That der Ausfluß seines Wahnsinnes?) wirkt wie
die Bejahung der Frage nach gemeinem Recht, ob der Verdächtige
noch infans, nach den deutschen Strafgesetzbüchern, außer dem
preußischen, das keine absolute Grenze hier kennt, ob er unter
8, 10, 12, 14 Jahren. Jemand, der seiner ganzen geistigen In-
dividualität nach weder wahnsinnig noch blödsinnig genannt werden
kann, mag nichts destoweniger die That im Moment ohne wahre
Willensfreiheit vollführt haben; die spezielle Würdigung dieser
Ausnahmszustände gehört dann vor den Richter über die Schuld-
frage, bei deren Erwägung sie natürlich nicht umgangen werden
kann. Ganz richtig äußert sich über diesen Gegenstand die Kom-
mission der ersten Kammer, Ber. S. 8. 9 (bei Goltdammer,
Materialien, S. 355). Eine ganz grundlose Tirade ist es, rtfenn
der Verf. von dem gegenwärtigen Stande der Gesetzgebung als
einem solchen redet, „wo Gesetze in Kraft sind, welche nach dem
Rechte der Vernunft und Erfahrung, nach Wissen und Gewissen
von Richtern und Aerzten nicht ausgeführt werden können, ohne
das öffentliche Wohl, Menschenleben, ja des Königs Leben zu
gefährden." Daß uns dabei die bekannten Klagen über Zurück-
setzung der Psychiatrie durch die Juristen nicht erspart werden,
versteht sich von selbst. Vollkommen Recht hat dagegen der Ver-
fasser, wenn er bemerkt, die Ausschließung der freien Willensbe-
sttmmung durch Gewalt oder Drohung hätte nicht mit der Straf-
befreiung durch Wahn- oder Blödsinn zusammengeworfen werden
sollen. Zu diesen Fällen gehört nur infantia, wenn sie nach dem
Strafrecht des betreffenden Landes gesetzlich absolute Unzurech-
nungsfähigkeit bewirkt. (Vergl. Temmc, Handbuch des preuß.
Strafrechts, S. 156).
Einige kurze Bemerkungen über die Stellung der Seelsorger
(„die Theologen sind je mehr sie christliche Pneumatolvgen, desto
weniges Anthropologen und Psychologen") S. 205 ff., sowie über
die Ehescheidungsparagraphen des Allg. Landrechts S. 209 ff.

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