Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

Bluntschli, deutsches Privatrecht.

161

felhasttgkeit des Rechts, da es oft unmöglich ist zu bestimmen,
ob das Recht aus dem früheren Gesammteigenthum der Dorf-
genoffenschaften oder aus der vormaligen Grundherrschast oder aus
andern historischen Verhältnissen abzuleiten sei. Diese Verhältnisse
sind auch mannigfaltiger, als die kurze Darstellung des Verfassers
vermuthen läßt, zumal da die Berechtigung nicht nach der Anzahl
des Weideviehs, wie manche neuere Weidegesetze annehmen, abge-
messen werden kann, vielmehr die Zahl des Viehs in der Regel
eine unbeschränkte ist. Als Beispiel, wie oft die Berechtigung
modificirt ist, führe ich ein Hutrecht an, das durch Herkommen,
wie es durch die Zeugenvernehmung im Prozesse zwischen einer
Gemeinde und Klostergutsherrschaft constatirt wurde, folgender-
maßen geregelt ist. Ein Rasen von mehr als 100 Morgen wird
von der Gemeinde mit der Gutsherrschaft durch Vieh in unbe-
schränkter Zahl bcweidet. Am Sonnabend vor Pfingsten jedes
Jahrs wurde die Hut eröffnet. An diesem Tag durfte die klagende
Gemeinde mit zwei andern angrenzenden ihr Spannvieh mit Aus-
schluß des Hornviehs und jenes der Gutsherrschaft 24 Stunden
lang zur Weide treiben. Dann mußte das Vieh der 3 Gemeinden
wieder abgetrieben werden. Sobald dieses geschehen war, durste
die klagende Gemeinde solange grasen, bis das Vieh der Gemeinde
und Gutsherrschaft, welche letztere von dem Abtrieb des Viehs
der 3 Gemeinden in Kenntniß gesetzt werden mußte, aufgetrieben
war. Diese Vorhut der benachbarten Gemeinden erscheint offenbar
als eine eigne Servitut. Das Grasen der Gemeinde, die darauf
das Recht gründete, den Rasen zu jeder Cultur beliebig zu nutzen,
erscheint aber rein symbolisch oder illusorisch, da es herkömmlich
war, daß das Vieh sofort früh Tags darauf aufgetrieben wurde.
Bezüglich der Reallasten beseitigt der Verfasser vor Allem das
Vorurtheil, wonach dieselben als Lasten des Grundeigenthums
aufgefaßt werden, während sie doch genau betrachtet Nutzungen
des Grundeigenthums oder verwandter Hoheit find, in welchem
Zusammenhang auch das Räthselhafte der rechtlichen Natur der-
selben verschwinde. Für die Begründung der Reallasten räumt
der Verfasser dem freien Willen der Betheiligten einen größeren
Spielraum ein, obwohl er den alten Jrrthum bekämpft, daß nach
dem Geiste des deutschen Rechts der blose formlose Vertrag auch

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer