Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

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Bluntschli, deutsches Privatrecht.

Rechtssprache unserer Zeit übersetzt zu der Weiterbildung des Besitzes
als eines auch juristischen Begriffs zu benutzen. Für das neuere
Recht, behauptet der Verfasser, sei voraus festzuhalten an dem
Gegensatz von Recht und Besitz. Der Besitz ist zunächst die that-
sächliche Herrschaft des Menschen über eine Sache und er wird
daher als, aber auch nur als thatsächliche Ordnung (nicht Rechts-
ordnung) geschützt. Von diesem auf die Spitze getriebenen Princip
des im Besitz allerdings enthaltenen thatsächlichen Elements, das
sich aber nach Savigny's überzeugender Darstellung schlechterdings
nicht absolut vom Rechte trennen läßt, kommt nun der Verfasser
zu der Behauptung, daß nicht nur der unvollkommene Besitz des
Vasallen an dem Lehen, des hofhörigen Bauern am Erbe, des
Eolonen und Erbpächters, und des Faustpfandgläubigers, son-
dern durchweg jede detentio rechtlich geschützt werden müsse, also
auch der Besitz des Pächters an dem Pachtgute, des Miethers an
der Wohnung, des Commodatars und des Depositars. Hierbei
wird Bruns getadelt, der zwar schon weiter geht als die römische
Besitztheorie gestattet, aber doch noch nicht weit genug.
Die hierauf folgende Lehre vom Eigenthum (Cap. Hl. bis IV.)
hat der Verfasser, was die allgemeinen Grundsätze betrifft, so
klar und präcis und so durchdacht dargestellt, daß die ganze Lehre
in einem neuen Lichte erscheint. Namentlich ist das Capitel von
Erwerb und Verlust des Grundeigenthums, zumal bezüglich der
Fertigung im Grundbuch, dann im Capitel vom Eigenthum an
fahrender Habe die Vindikation äußerst praktisch behandelt. Die
eigenthümliche Bedeutung' des Grundsteuerkatasters für Eigenthums-
erwerb und Verjährung wird jedoch übersehen.
Auffallend war mir auch die historisch nicht gerechtfertigte
Ansicht des Verfassers, daß der Begriff des Eigenthums sich zuerst
am Grundeigenthum ausgebildet habe. Dagegen spricht nicht nur,
daß das Eigenthum an Grundstücken meist nur als Besitz (Gewere,
possessio) bezeichnet wird, sondern auch der deutsche Ausdruck
Aneignung zunächst für die Vindikation an fahrender Habe. Der
Gegensatz ist nicht Eigen und (fahrende) Habe, sondern Erbe und
Eigen.
Zwei Punkte sollen hier allein aus der Fülle des in den Ca-
ptteln über das Eigenthum Enthaltenen herausgehoben werden,

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