Full text: Volume (Bd. 2 (1855))

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der eigentlichen Schuldfrage aber Nichts zu thun hat. Den Be-
weis der Wahrheit dieser letzteren Behauptung brauchen wir nicht
weit zu suchen. Zn eben diesem Hefte findet sich S. 548 ein Fall,
in welchem sich Gutachten und Superarbitrium widersprachen. Der
eine Sachverständige (der Obducent) behauptete, der Ermordete
habe durch die Verletzungen mit einem spitzen schneidenden Znstru-
ment seinen Tod gefunden, und sei erst als Leiche in's Wasser
geschleppt worden. Der das Medizinalkolleg vertretende Sachver-
ständige behauptete dagegen, der Ermordete sei den Erstickungstod
gestorben und die freilich ebenfalls keine Rettung zulasscnden Ver-
letzungen seien durch Stoßen oder Fallen gegen einen oder meherre
spitzige Steine entstanden.
Man wollte zuerst die Frage stellen, ob der Angeklagte den
vevstU8 durch Schlag oder Stoß oder durch Ertränken vorsätzlich
und mit Ueberlegung getödtet habe, wandte sich aber mit Recht
dagegen ein, daß vielleicht die Geschwornen bei voller Ucberzeugung
von der stattgefundenen Ermordung, doch nicht in genügender
Majorität sich von einer bestimmten Todesart überzeugt halten
könnten, und fragte daher ganz einfach: Ob der Angeklagte schul-
dig, den N. N. u. s. w. vorsätzlich und mit Ueberlegung getvd-
tet zu haben?
Hoffentlich entgeht die in diesem Falle enthaltene Lehre den
preußischen Schwurgerichtspräsidenten nicht.
Eine kleine Mitthcilung von Paschke macht mit einer Aeuße-
rung des Ministeriums der geistlichen u. s. w. Angelegenheiten be-
kannt, wonach ein Sachverständiger, der aus der Mitte eines Kol-
legs z. B. der wissenschaftlichen Deputation vom Staatsanwalt als
Zeuge vorgefordert wird, um das Kollegialgutachten durch ihn zu
stützen, durchaus nicht verpflichtet ist, eine andere als seine per-
sönliche Ueberzeugung darzulegen, also nicht wie ein Advocat das
Gutachten zu vertreten hat. Dieß ist gewiß richtig. Mit ebenso
gutem Tacte vermied aber der betreffende Oberstaatsanwalt (Paschke)
den vom Minister vorgeschlagenen Weg zu betreten und das Gut-
achten bloß verlesen zu lassen. Vivs vox docet. Nur ausnahmsweise
kann man sich wegen Unthunlichkeit deS persönlichen Erscheinens
von Sachverständigen, z. B. bei Münzverbrechen, mit schriftlichen
Gutachten begnügen.

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