Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

A«j«n6ny: Lehrb. d. allgrm. u. österrelch. evang.-protest. Kirchemtcht». 5
jener Theorien stellte, aus dem Umstande herzuleiten, daß das Kir-
chenrecht doch thatsächlich nicht unter den theologischen Dtscipltnen
rangtrt, indem dasselbe anerkanntermaßen dort nur sehr oberflächlich
und nebensächlich betrieben wird, und es gewiß noch nie einem Con-
sistorium wird eingefallen sein, auch darüber examiniren zu lassen.
Indessen lassen wir daS, denn wollten wir darnach die Stellung des
Kirchenrechts bemessen, so führte dasselbe ein unsichtbares oder gar
kein Leben.
Untersuchen wir vielmehr, ob der ganze hier zu Grunde gelegte
Begriff von Wissenschaft richtig, ob er wissenschaftlich ist; die Unbe-
rcchtigtheit desselben mochte sich aus seiner bloßen Aufstellung er-
geben. Es geht Begriffen ganz wie Systemen; sie sind nur dann
wahr, wenn sie nicht von außen her genommen, sondern von innen
heraus abgeleitet sind; sonst haben sic kein spontanes Leben, keine
wahre Realität; wie sie aus der Außenwelt geschaffen werden, so sind
sie dann auch abhängig von allen Schwankungen der Außenwelt.
Auf unfern Begriff angewandt, so ändern sich ja jene äußern Zwecke,
die ihn constituirt haben, mit jedem Tage, wenigstens treten an ihnen
stets neue Seiten hervor; und abgesehen davon, wie verschieden be-
nehmen sich nicht die einzelnen Menschen gegenüber demselben Zwecke!
Es gehört allerdings nicht hteher, daß Radowttz sich ebensowohl
mit Jconographie der Heiligen, als mit der Einrichtung eineö Bun-
deSgcrichts, als mit einer Theorie über Anlegung von Handschriften-
sammlungen abgegeben hat, denn das Alles gehört eben verschiedenen
Zwecken an; aber wie viel weiter werden sich für diesen Mann die
Grenzen der Kriegswiffenschaft ausgedehnt haben, als für Unzählige
seiner Standesgenossen.
Auf diesem Standpunkte gibt es keine Wissenschaft, sondern nur
ein verschiedenartiges Wissen; es fehlt hier die innere Einheit, der
Zusammenhang, welcher das Wissen zur Wissenschaft erhebt; diese
Theorie ist genau besehn nichts weiter, als eine unwissenschaftliche
Negation der Hilfswissenschaften.
Von einer wahren Wissenschaft kann in der That nur die Rede
sein, wo wir nicht bloß ein Aggregat von Wissensstoff haben, welcher
im Leben passend zur Erreichung gewisser Zwecke combinirt wird,
sondern wo in dem Wissensstoffe selbst, ganz abgesehn von seiner
demnächstigen praktischen Verwendung, eine Einheit, eine Zusammen-
gehörigkeit gegeben ist. Das Wesen des Begriffs Wissenschaft wird

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