Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

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Stahl: Die Philosophie des Rechts.

daß er ihn geschloffen hat, sondern auch, daß er sich dadurch in die
Nothwendigkeit versetzt hat,.ihn wieder brechen zu müssen.
Der Grund dieser Ansicht aber, daß die Verträge nur unter
Voraussetzung eines sittlichen und rechtlichen Inhalts binden, liegt
in der oben schon bemerkten Meinung, daß das Recht zuletzt seine
Würde bloß aus dem Zwecke habe, die Weltordnung Gottes aufrecht
zu erhalten, und ihm abgesehen davon keine etgenthümliche Würde
zugeschrieben wird.
Hinsichtlich der bekannten Streitfrage, ob die Ehe und der
Staat als Vertragsverhältnisse anzusehen sind, sucht sich
Stahl auf eine eigenthümliche Weise zu helfen. Er kann nicht
umhin, die offenbare Wahrheit zu bekennen, daß diese Verhältnisse
auf Vertrag beruhen. Allein um dem scheinbar Gefährlichen dieser
Lehre zu entgehen, behauptet er, daß es zweierlei Verträge gäbe, die
einen seien nur die transitorische, die anderen die immanente Ursache
der Rechtsverhältnisse. Jene, zu denen eben Ehe- und Staatsvertrag
gehörten, seien nur daö Mittel, um das Rechtsverhältniß zu begrün-
den, dieses löse sich aber sofort von ihnen ab und bestehe nach seinen
eignen Gesetzen. „Die Ehegatten fordern von einander eheliche Treue
u. s. w. nicht kraft der Uebereinkunft, durch die sie die Ehe geschlossen,
sondern kraft der Ehe selbst." Diese Unterscheidung der Verträge ist
aber nur eine nichtige. Besteht z. B. eine bestimmte Ehe nur durch
den unter diesen Eheleuten geschlossenen Vertrag, so ruht ihre fort-
dauernde Gültigkeit ihres Vertrages. Hörte die Wirkung dieses Ver-
trages auf, so würden sie eben aufhören, Eheleute zu sein, und also
kraft der Ehe nichts von einander mehr zu fordern haben. Jener
Unterschied der Verträge erhält nur dadurch einigen Schein, daß bei
einer Ehe die einzelnen Verpflichtungen und Berechtigungen, welche
in dem Begriffe der Ehe liegen, nicht speciell vertragen zu sein brau-
chen, und doch binden, da sie aus der Natur der Sache folgen; bei
einem Kaufcontracte aber gilt nicht mehr, als worüber speciell ver-
tragen ist, weil bet ihm aus der Natur der Sache nur die allge-
meine, noch näherer Festsetzung bedürfende Bestimmung folgt, daß
ein Eigenthum des Verkäufers in die Hände des Käufers übergehen
soll. Aber diese allgemeine Bestimmung braucht in einem Kaufcon-
tracte auch nicht vertragen zu sein, da sie von selbst aus dem Be-
griffe folgt. Ein Kaufcontract, durch welchen eine Sache nicht Eigen-
thum des Käufers würde, wäre eben keiner, ebenso wenig wie ein

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