Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

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Stahl: Die Philosophie des Rechts.

thümlichen Respect der gemeinsam festgesetzten beanspruchen kann,
welcher eben auf dem absoluten Mißfallen am Streit beruht. Die
eigenthümliche Würde des Rechts liegt also darin, daß es ganz ab-
gesehen von seinem Inhalte, eben als eine gemeinsam festgesetzte
Regel des Handelns Respect verlangt, weil man sich sonst dem ab-
soluten Tadel, Urheber des Streits zu sein, auSsetzen würde. Aller-
dings wird nun die ganze sittliche Würde einer Rechtsregel steigen
oder fallen können, je nachdem ihr Inhalt mit den übrigen sittli-
chen Ideen im Einklänge ist oder nicht, aber sie kann niemals gleich
Null werden, wie doch möglicher Weise geschehen konnte, wenn man
die Würde des positiven RechtS nur in seinem Zwecke sucht. Kennt
man daher diese eigenthümliche Würde des positiven Rechtes nicht,
sondern leitet sein Ansehn allein aus andern sittlichen Zwecken ab,
so wird man denen, welche ihm keine Heiligkeit zuschrciben, sobald
es den sittlichen Anforderungen an das Recht (dem Vernunftrechte)
nicht entspricht, schwerlich etwas Triftiges entgegen zu setzen haben.
Hätte Stahl endlich diesen richtigen und von ihm mit großem
Nachdrucke hervorgehobenen Gedanken, daß erst die wirklich von
den Menschen errichtete Ordnung geltendes Recht sei, mit eben
so großer Genauigkeit analysirt, so hätte er auch auf diesem Wege
zu einem andern und besseren ursprünglichen Begriffe vom Rechte
kommen können, als den, daß es „die zwingende Ordnung
der Obrigkeit eines Volkes" sei.
Denn mit diesem Begriffe verwickelt er sich nur in einen von
ihm selbst ziemlich offen bloß gelegten Widerspruch. Er meint, diese
Ordnung zu errichten, sei dem Volke aufgetragcn, nicht als Masse
der Einzelnen, sondern in seiner Einheit, d. i. in seinem
Verbände als Staat, in seinem Gehorsam unter einer
Obrigkeit; ja die Obrigkeit sei selbst der höchste Theil jener Ord-
nung. Ist also die Obrigkeit ein Theil der vom Volke zu errich-
tenden Ordnung, soll aber das Volk nur in seinem Gehorsam unter
einer Obrigkeit diese Ordnung errichten können, so setzt offenbar die
erst zu errichtende Ordnung sich selbst schon als existirend voraus.
An dergleichen Widersprüche, daß etwas sein eignes Dasein voraus-
setze, um in die Existenz zu treten, daß cs eine causa sui sei, ist
man allerdings heut zu Tage durch die Herrschaft des spinozistischcn
Idealismus so sehr gewöhnt, daß sie kaum noch auffallen; aber sie
bleiben dennoch Widersprüche, die sich selbst aufheben, und also hin-

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