Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

Stahl: Die Philosophie de» Rechts. 393
sein. Dieses Recht zu errichten, sei nun eine Anforderung, nicht an
den Einzelnen, sondern an daö natürlich oder praktisch entstandene
Volk in seiner Einheit, also an „den Staat". Der hervorstechende
Zug des Rechts soll danach die stete Verwirklichung, d. i. die un-
ausbleibliche Erfüllung im Einzelnen und der unausgesetzte Bestand
im Ganzen sein, „es ist eine verwirklichte, stets befolgte Norm".
Daher denn auch die sittliche Macht des Rechts nicht gleich der
Moral in den stttlichen Ideen unmittelbar ruht, sondern in dieser
äußerlich bereits bestehenden Ordnung, die sich dem Widerstrebenden
gegenüber als Zwang äußert.
Diese von Stahl aufgestellte Unterscheidung zwischen Moral
und Recht würden wir nur billigen können, wenn er ein deutliches
Bewußtsein dessen zeigte, was er eigentlich von der Moral unter-
scheidet. — Diese seine Ansicht ist in ibrcm letzten Grunde durch die
empirische Bemerkung bedingt, daß einiges Sittliche dem individuellen
Ermessen überlassen ist, anderes dagegen vom Staate geboten und
nötigenfalls erzwungen wird. Dieses Faetum will er sowohl specu-
lativ erklären, als auch den Inhalt desjenigen, was frei gelassen und
was erzwungen werden muß dcducircn. Damit aber stellt sich Stahl
auf einen Ansgangspunct, der ibin eine richtige Anlage der Rechts-
philosophie unmöglich macht. Denn er glaubt nun eine solche in
ihrer Vollständigkeit zu bringen, während er doch nur die sittli-
chen Anforderungen aufst ell t, welche an eine Staats-
gesetzgebung gemacht werden müssen. Das ist aber doch
nur ein Theil der ganzen Rechtsphilosophie, wenn auch 'der praktisch
überwiegend wichtigste. Denn abgcscbn von allem Staate und seiner
Gesetzgebung giebt cs ein Recht, und zwar ein positives Recht,
z. B. unter Freunden, Ehegatten, einzelnen Eontrahenten, u. s. w.,
welches weder seine Entstehung noch seine sittliche Gültigkeit von der
durch ein Volk aufgerichtetcn bürgerlichen Ordnung hernimmt. Jedes
Versprechen und llebcrlassen an einen Andern begründet ein positives
Rcchtsverhältniß zwischen den betreffenden Personen, mögen cs nun
zwei oder mag cs ciir ganzes Volk sein und mag daraus sich eine
dauernde Ordnung eines Staats mir dem Gewichte seines Zwanges
oder nur ein schnell vorübergehendes Band Einzelner ergeben, mag
cs ein Bund mächtiger Völker sein, der über Wohl und Weh vieler
Millionen entscheidet oder ein Bund zweier zärtlichen Herzen. In
allen solchen großen oder kleinen Verhältnissen ist ein und dasselbe

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