Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

Jhering: Jahrbücher für die Dogmatik.

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satzeS zum Schluß einer Ausführung die manches Beherzigenswerthe
enthält, folgende Auslassung: „Wenn man also früher, um es
paradox auszudrücken, den Werth rechtshistorischer Darstellungen und
Entdeckungen nach ihrer Quellenmäßigkett zu bemessen Pflegte, so
werden die Verdienste in der neuen Richtung umgekehrt durch die
Nichtquellenmäßigkeit bedingt sein und die wichtigsten rechtshistorischen
Entdeckungen der Zukunft werden in solchen Sätzen und Gedanken
bestehen, die kein römischer Jurist ausgesprochen hat." Das klingt
für sich allein freilich fürchterlich genug und vor den Augen des
erschrocknen Lesers schwirren die Sturmvogel der Zukunft und ver-
drängen alle emsige, im Einzelnen sich vertiefende Produktion. Allein
man lese nur weiter, sagt doch schon der römische Jurist incivile
CSt nisi tota lege perspecta judicare. Da finden wir von Jhering
selbst anerkannt: „der Richtung auf das Höchste soll sich nur der
berühmen, der daS Kleinste schätzt und achtet rc." Und so ver-
schwindet der gefährliche Schein, welchen jener erste Passus er-
zeugt hat.
Nicht anders verhält es sich mit der Anklage, daß Jhering
der Rechtswissenschaft die Aufgabe stelle, einen neuen Stoff zu pro-
duciren, während doch der Jurist als Diener der Satzung es bet
Entwicklung, Fort- und Neubildung des vorhandenen Stoffs belassen
muß. Das leugnet Jhering nicht. Allerdings sagt er, ist daS
Material gegeben, allein das was wir aus ihm machen ist in
der That unsre eigne Schöpfung, denn wir bringen den Stoff nicht
bloß in eine andre Ordnung, wir specificiren ihn, wir con-
struiren aus ihm specifisch juristische Körper.
Wenn endlich Jhering, was soviel Anstoß gegeben hat, äußert
Interpretation ist die absolut niedrigste Stufe aller wissenschaftlichen
Thätigkeit, so fügt er doch sogleich hinzu „aber zugleich die nothwen-
dige Voraussetzung aller höhern". Was aber nothwcndig ist, ist nie
etwas Geringes. Auch verkennt Jhering gewiß nicht, daß die
Interpretation oft nicht weniger Scharfsinn verlangt, als die weitere
Speculation, daß sie als Grundlage von höchster praktischer und
theoretischer Wichtigkeit ist. Er wollte offenbar nur die äußere Reihen-
folge der verschiedenen juristischen Thätigkeiten bezeichnen.
Wichtiger als dies Alles scheint uns, daß die Eintheilung in
receptive und pruduktive Jurisprudenz manchem Bedenken unterliegt.
Dieser Gegensatz ist in aller Welt kein absoluter und doch entsteht

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