Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

30 Bornemann: Die Rechtsentwickelung in Deutschland.
Hauptes und gegen das leidige Faustrecht im Innern. Eine unver-
zeihliche Thorheit ist es, die Erhebung der Privatarbett Eiken's zum
wirklichen Gesetzbuch für eine paffende Analogie mit der Einführung
des römischen Rechts auszugebcn. Denn schon der Inhalt des Sach-
senspiegels, mehr aber noch das treue Festhalten desselben in den
deutschen Gerichten bekundet die tiefe Bedeutung desselben. Die Be-
sorgniß vor dem Eindringling aus Bologna rief im 14. Jahrhundert
noch mehre Rechtsbücher ins Leben, welche im patriotischen Sinne
Eiken's abgefaßt waren Alle diese Bestrebungen halfen nichts. Die
längst angebahnte Landeshoheit befestigte sich von Jahr zu Jahr.
Das römische Recht wurde von Oben herab allerseits begünstigt und
griff mehr und mehr um sich. Die deutschen Schöffen stemmten sich
gegen die Doctoren der Rechte mit beispielloser Keckheit. Ein be-
stimmter Zeitpunkt, in welchem die Thatsache der Aufnahme deö
römischen Rechtes vollendet war, läßt sich nicht angeben. Eben so
wenig gab cs eine Zeit, in welcher die justinianische Compilation mit
den deutschen Rechtsgewohnheiten friedlich neben einander gegolten
hätte. Der Kampf in den Gerichtshöfen wegen Anwendung des in-
oder ausländischen Rechtes dauerte fort. Er war Anfangs ein per-
sönlicher und endete in der denkwürdigen Einigung, daß die glofftrten
römischen RechtSbücher zwar nicht als Hauptrecht, aber doch alö
Hülfsrecht ausgenommen seien. Dank der Zähigkeit des deutschen
Volksgeistes, welche es nicht weiter kommen ließ. Es war damit für
das einheimische Recht wenn nicht Alles, so doch Vieles gewonnen.
Die deutschen Juristm erlangten damit über den fremden Rechtsstoff
eine Gewalt, welche die Machtfülle der römischen Prätoren bet weitem
überragte. Sie haben auch davon den lebhaftesten Gebrauch gemacht.
Aber das gemischte Recht erzeugte zunächst laute Klagen des Volkes
und der Stände, ein großes Heer von ttefschnetdenden Controversen,
und ein Zerwürfntß zwischen Theorie und Praxis. Der Rechtszustand
Deutschlands wurde dadurch im hohen Grade verdüstert. Es wurde
für nothwendig erachtet, die Rechtsbildung den Händen der Rechts-
kundigen theilweise zu entziehen. Dies geschah seit dem Beginn des
16. Jahrhunderts in allen deutschen Kreisen durch die Aufzeichnung
des Gewohnheitsrechts unter Mitwirkung der Landstände. Kein deut-
scher Gau blieb bei dieser Aufzeichnung zurück, und die Nation zeigte
hierbei abermals, was deutscher Fleiß und deutsche Beharrlichkeit zu
leisten vermögend war. In diesen Constitutionen, Landes- und andern

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