Full text: Volume (Bd. 4 (1857))

Kuzmäny: Lehrb. d. allgem. u. österrrich. evang-protest. Ktrchenrrcht-. 15
in einer solchen einseitigen Suspension vertragsmäßig eingegangener Ver-
bindlichkeiten etwas höchst Auffallendes liegen. Indessen kommt aller-
dings Alles auf die Interpretation deö betreffenden Patents an; und
daß hier der Verfasser so gänzlich fehlgegriffen hat, darin scheint uns
in doppelter Weise seine Eigenschaft als Theologe schuld zu sein. Die
fragliche Stelle, nämlich soweit sie hier in Betracht kommt, lautet
wörtlich: „Derowegen denn und damit sich künftigS Einiger nicht
der Unwissenheit um so viel weniger entschuldigen könne, oder ver-
meine, als ob es seither durch den münsterischen Friedensschluß oder
sonstem davon kommen wäre ..." Diese Stelle kann möglicherweise
zweierlei bedeuten; von vornherein ist nur klar, daß der münsterische
Friedensschluß als dem gegenwärtigen Patente nicht zuwider darge-
stellt wird, und man könnte daS entweder so auffaffen, weil er für
daS Erzherzogthum Oesterreich außer Kraft gesetzt werden soll, oder
aber so, weil er dem Inhalte dieses Patents an sich gar nicht ent-
gegensteht. Unserer Ansicht nach würde nun schon eine ganz einfache
Exegese, welche nur diese Stelle selbst in ihrem Wortlaute auffaßt,
wenn sie streng verfährt, nur die letzte Möglichkeit als hier Platz
greifend ergeben, namentlich wenn man dabei jenes ganze Patent in
Erwägung zöge, wo sich an einer andern Stelle auf jenen Frieden
als bestehend berufen wird, oder auch einen ähnlichen Erlaß auö
ziemlich derselben Zeit berücksichtigte, wo dasselbe geschieht. Gerade
in Bezug auf die Exegese dürfte sich nun aber die juristische Methode
von der theologischen wesentlich unterscheiden; es ist ja allgemein aner-
kannt, daß eine strengere Exegese in den juristischen Quellen ange-
wandt wird und der Natur der Sache nach angewandt werden muß,
als in den theologischen.
Indessen wollm wir zugeben, daß mit einer bloßen Worterklä-
rung hier keine apodiktische Gewißheit über die Bedeutung der frag-
lichen Stelle zu erlangen wäre. Jedoch können auf andere Weise
alle Zweifel gehoben werden; dazu sind aber Kenntnisse nöthig, und
zwar solche, welche ihrer Natur nach der Jurist besitzen muß, der
Theologe aber in diesem Detail kaum besitzen kann; eö gehört dazu
vor allen Dingen eine genaue Bekanntschaft mit dem Inhalte des
westphälischen Friedens. Aus dessen Bestimmungen ergibt sich näm-
lich, daß Alles, waS der Verfasser aus der angeblichen Aufhebung
jenes Friedens herleitet, alle jene Beschwerden, nach denen kein Evan-
gelischer im Lande bleiben darf, kein Prediger oder Schulmeister inS

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